In Bruges (Brügge sehen… und sterben?)

“We shall strike a balance between culture and fun.” – Ken, nicht nur sein Brügger Ausflugsprogramm, sondern auch den Film treffend charakterierend.

Neben dem überraschend guten You kill me kam mit In Bruges fast zeitgleich ein weiterer Film über Auftragskiller mit Berufsproblemen in die Kinos. Wie schon You kill me ist auch In Bruges ein sehr ruhiger Film, in dem für das Thema untypisch über weite Strecken erstaunlich wenig geschossen wird. Auch wenn das Setting ähnlich ist, ist die Stimmung von In Bruges allerdings deutlich düsterer.

Die irischen Profikiller Ray und Ken haben einen Auftrag vermasselt, und werden daher von ihrem Boss Harry ins belgische Brügge geschickt, um eine Weile unterzutauchen. Da sie nichts zu tun haben, vertreiben sie sich die Zeit mit Sightseeing. Ken (Brendan Gleeson) stürzt sich enthusiastisch in die mittelalterliche Stadt und Kultur, Ray (Colin Farell) hingegen kann sich mit seinem Touristendasein nicht wirklich anfreunden und fiebert den abendlichen Pubbesuchen entgegen. Das ändert sich erst, als er auf einem abendlichen Spaziergang die schöne Chloé (Clémence Poésy) kennenlernt.

Es macht Spaß, den beiden beim Sightseeing zuzuschauen. Der Film zieht viel Komik aus dem Aufeinandertreffen von Kultur und Religion und schlichtem Auftragskiller-Gemüt, etwa wenn Ray eine Fegefeuer-Darstellung von Hieronymus Bosch kommentiert:

“Purgatory’s kind of like the in-betweeny one. You weren’t really shit, but you weren’t all that great either. Like Tottenham.”

Wobei die Komik hier sehr subtil ist und auch nicht im Vordergrund steht. Durch das Nichtstun in Brügge kommen die beiden auch zum Nachdenken über ihre eigenen Taten. Ray hat beim letzten Auftrag versehentlich einen kleinen Jungen erschossen, und hinter der Fassade des einfachen Killers zeigt sich, dass ihn das mehr belastet als er sich selbst zugestehen mag. Klingt schmalzig und rührselig, ist aber sehr glaubwürdig und ohne Kitsch rübergebracht.

Farell spielt den etwas unterbelichteten Ray anfangs ein wenig aufgesetzt tumb mit breitestem Dubliner Akzent, verleiht der Figur im Laufe des Films aber eine unerwartete Tiefe. An seiner Seite spielt Brendan Gleeson den knorrigen väterlichen Freund und Kollegen souverän. Sehr überzeugend ist auch Ralph Fiennes als leicht psychopathischer Chef der beiden Auftragskiller.

Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh inszeniert die Geschichte zweier Prolls in einer Stadt voller Geschichte und Kultur charmant skurill, und trifft den richtigen Ton zwischen Witz, Ironie und tiefer Ernsthaftigkeit. Die Geschichte wird bestimmt von wunderschönen Bilder des winterlich vorweihnachlichen Brügge, das McDonagh in ein fast surreale Licht taucht: Zwerge in der nächtlichen Stadt, kostümierte Menschen an einem Filmset, ein Showdown im Glockenturm, Brügge ist ein “fairytale place”.

Überraschende und weniger überraschende Story-Twists münden schließlich in ein faszinierendes Ende, das die Geschichte von Schuld, Freundschaft und Fegefeuer zu einem würdigen Abschluß führt. Dazu wunderschöne Bilder und gute Schauspieler – absolut sehenswert.

In Bruges (Brügge sehen… und sterben?), Großbritannien, Belgien 2008 – deutscher Kinostart: 15.05.2008
9/10 Punkte
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