Leroy

“Wir haben in Familien mit 1 oder mehreren Skinheads ein erheblich höheres Aufkommen an Knochenbrüchen. Das ist so ähnlich wie Passivrauchen”

Ein schwarzer “afrodeutscher” Junge verliebt sich in ein blondes und blauäugiges Mädchen aus rechtsradikalem Elternhaus. Das klingt so dermaßen nach politisch korrekter Betroffenheitsromantik, nach Gutmenschentum und erhobenem Zeigefinger, dass man so eine Geschichte in der Regel besser ignoriert. “Leroy” macht aus dieser Ausgangssituation jedoch eine locker inszenierte und rotzfreche Teeniekomödie, die sich nicht an verordnete Tabus und Geschmacksgrenzen hält, sämtliche Klischees einerseits bedient, um sie dann gleich wieder ins Absurde zu führen, und dabei eine erfrischend unkonventionelle Geschichte erzählt.

Der Film wimmelt von Minderheiten und solchen, die sich dafür halten: Schwarze, Griechen, Juden, Bayern oder Türken, jede (Rand-)gruppe ist im Berliner Multikultikosmos vertreten. Eva Braune (Anna Hausburg) kommt dabei aus der fast bemitleidenswertesten Randgruppe der Neonazis: Ihr Vater ist Abgeordneter einer rechtsradikalen Partei, ihre vier Brüder sind Skinheads und auch ihre Mutter hat ein eher schlichtes Weltbild (”Das war so menschlich von Ihnen, obwohl sie ja ein Neger sind”). Eva verliebt sich in Leroy (Alain Morel), einen dunkelhäutigen Schulfreund mit beeindruckender Afro-Frisur. Leroy hat eine klassisch deutsche Erziehung genossen, spielt Cello und liest Goethe, und war sich seiner schwarzen Hautfarbe bislang eher unbewußt. Durch die ablehnende Haltung von Evas Familie entwickelt sich bei ihm jedoch ein schwarzes Selbstbewußtsein und er beginnt sich für Malcom X, Black Power & Co. zu interessieren. Dies führt nicht nur zu Konflikten mit Eva, sondern auch mit seinen Eltern.

Auf die Story reduziert klingt das alles sehr ernst und konstruiert. Regisseur Armin Völckers inszeniert die moderne Romeo und Julia Geschichte aber mit viel politisch unkorrektem Witz und Komik. Dabei kann er sich auch ein paar sehr platte Gags nicht verkneifen (”Schwarz 4 – die Selbsthilfegruppe dunkelhäutiger Arbeitsloser”, oder “Ghettoraid, der Energydrink für Schwarze”), aber letztlich sind es gerade diese Plattitüden, die der Geschichte ihre Leichtigkeit geben.

Voelckers, der mit Leroy seinen ersten Kinofilm abliefert, hat seine Figuren größtenteils mit Nachwuchsschauspielern besetzt, die ihre Sache erstaunlich gut machen. Insbesondere Hauptdarsteller Alan Morel verkörpert den zwischen liberalem Elternhaus, Black Power Attitüde und Liebe zur blonden Eva hin- und hergerissenen Leroy sehr überzeugend.

Der Film ist ein sehr spannender Genremix aus Kinderklamotte (Leroys Vater ist ein spleeniger Erfinder, dessen Entwicklungen immer wieder zu klamaukigen Unfällen führen), Teenie- Liebesdrama, Blaxsploitation-Film a la “Shaft” und klassischem deutschen Klamauk a la Otto der Film.

Der lockere Umgang mit dem Thema Rechtsradikalismus hat Armin Voelckers den Vorwurf der Verharmlosung eingebracht – das Thema sei zu ernst für eine Komödie, die Skins eher als Clownfiguren darstellt denn als bitterernste gewalttätige Gefahr. In der Tat macht der Film eine Gratwanderung, einerseits die Skinhead-Truppe als debilen Haufen zu veralbern (der Hund heißt Goebbels und kann den Hitlergruß nachmachen), und doch die von Ihnen ausgehende Gefahr zu thematisieren. Völckers erklärte, dass die Schlägerei-Szenen mehrfach umgeschnitten und nachvertont werden mussten, da in den ersten Fassungen die Skinhead-Gewalt so präsent war, dass danach niemandem mehr zum Lachen zumute war, was für eine Komödie ein denkbar schlechter Effekt ist. Diese Gratwanderung gelingt Völckers jedoch gut.

“Darf man über Nazis lachen”? Na klar, aber witzig sollte es schon sein. Im Gegensatz zum Helge Schneider Film “Mein Führer”, der statt der ursprünglich geplanten Groteske eher zu Betroffenheitskitsch wurde, weil Regisseur Levi angeblich Angst vor der eigenen Courage hatte, gibt “Leroy” ganz unbekümmert die Rechtsradikalen zum Lachen frei.

Leroy, Deutschland 2007 – deutscher Kinostart: 27.09.2007
8/10 Punkte
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