Free Rainer

“Fassbier? Nein, Fassbinder”

Hans Weingärtners erfolgreichster Film “Die fetten Jahre sind vorbei” ist durch Fernsehgelder mitfinanziert worden, was nach Meinung des Regisseurs dem Film nicht gut getan hat, sondern zu schlimmen Kompromissen und zuviel Mainstreamigkeit geführt hat. Seinen nächsten Film “Free Rainer” hat er daher ganz bewußt ohne Unterstützung von TV-Sendern produziert. Was passiert, wenn Weingärtner freie Hand hat, spricht nicht gerade für den österreichischen Regisseur. Während die linksideologische Attitüde, die “Die fetten Jahre sind vorbei” durchdrang, durch die guten Schauspieler und eine stimmige Dramaturgie noch halbwegs erträglich war, ist Weingärtners neues Werk nur noch pädagogisch-unlustiges Besserwisser-Kino mit erhobenem Zeigefinger.

Dabei ist die zugrundeliegende Idee sehr vielversprechend: Ein frustrierter und zynischer TV-Macher hat die Schnauze voll von dem von ihm verantworteten Trash-TV. Er gründet mit einer Gruppe Arbeitsloser eine Guerilla-Truppe, die die Einschaltquoten manipulieren will, um die ganzen Casting-Shows, Gerichts-TVs und Call-In-Sendungen in die Pleite zu führen und die Verdummung durch das Fernsehen zu stoppen. Stoff genug also für eine spritzige Mediensatire, und mit Moritz Bleibtreu hat Weingärtner auch einen zugkräftigen Hauptdarsteller engagiert.

Bleibtreu versucht auch aus den gegebenen Rahmenbedingungen das beste zu machen und spielt wie immer sehr souverän. Aber leider kann er die ihm in den Mund gelegten Texte nicht durch noch so engagiertes Spiel zum Leben erwecken. Bleibtreu und seinen Mitstreitern werden dermaßen platte ideologisch gestanzte Parolen und Dialoge in den Mund gelegt, dass die Figuren blutleer bleiben. Die Sprechblasen, die Rainer & Co. von sich geben müssen, könnten auch aus einem Flugblatt der Antifa-Hochschulgruppe stammen oder aus einem alternativen Volkshochschulkurs “Massenmedien für Anfänger”. Die blasse weibliche Hauptdarstellerin Pegah (Elsa Sophie Gambard) darf dann auch mal völlig ironiefrei Sätze sagen wie „Das Geld war schon immer der Anfang vom Ende jeder Revolution“.

Wenig glaubwürdig ist vor allem die Wandlung der Hauptperson Rainer vom zynischen TV-Profi zum engagierten Aktivisten gegen die Volksverdummung. Sie ist nur notdürftig dramaturgisch herbeigeschrieben durch einen einschneidenden Verkehrsunfall des Protagonisten, der ihn auf einmal zum besseren Menschen werden läßt. Allerdings noch nicht gut genug für Weingärtners Weltsicht: Als der Plot sich zuspitzt und in die unvermeidliche “große Krise” vor dem Finale gelangt, verhält sich Rainer einmal nicht ganz so, wie es das Gutmenschenbild gerne hätte: Er weigert sich, das gesamte Projekt aufs Spiel zu setzen, um einen Mitstreiter aus einer selbstverschuldeten Situation zu helfen, und steht nun zur Strafe ganz alleine da. Erst als Rainer einsieht, dass er seiner Truppe von Underdogs alle Fehler verzeihen muss, damit er nicht als kalter Kapitalist da steht, kann es weitergehen mit der Gutmenschen-Guerilla.

Weingärtner läßt kein Klischee aus: Die TV-Macher saufen und koksen, Computer-Experten sind menschenscheue Nerds, Arbeitslose sind Alkoholiker, aber haben das Herz auf dem rechten Fleck, und die bösen Politiker und Kapitalisten im Hintergrund stecken alle unter einer Decke, um das Volk dumm zu halten. Um seine Botschaft rüberzubringen, verzichtet Weingärtner auf jedwede Subtilität oder Differenzierung, und setzt auf brutalstmögliche pädagogische Erziehung des Zuschauers: Fernsehen macht dumm – geht lieber spazieren oder lest ein gutes Buch – mit dem bösen Trash-TV versuchen die Mächtigen nur, das Volk ruhig und dumm zu halten. Das ganze am Rande untermalt mit einer dümmlich-peinlichen Angela Merkel Karikatur, die dem dummen Zuschauer nochmal mit dem Holzhammer klarmachen soll, dass die böse konservative Regierung mit den Fernsehsendern unter einer Decke steckt.

Wie “gutes” Fernsehen aus Weingärtners linksideologischer Gutmenschensicht aussehen könnte, deutet er leider auch an: Dokumentationen über ägyptische Pyramiden, überlange literarische Talkshows, und natürlich seine eigenen Filme: auf einmal flimmert eine Szene aus “Die fetten Jahre sind vorbei” über den Bildschirm. Was in anderem Kontext eine gelungene selbstironische Spitze gewesen wäre, wirkt in Weingärtners Belehrungskosmos leider nur unlustig überheblich. Der Mann meint das ernst.

Die Ironie an Weingärtners Besserwisser-Kino ist, dass er damit dasselbe macht, was er dem Fernsehen vorwirft: nämlich den Zuschauer für dumm zu verkaufen und ihm mit dem Holzhammer seine Ideologie aufzwingen zu wollen. Als wäre das nicht schon ärgerlich genug, patzt Weingärtner auch handwerklich: Dramaturgie, Schnitt, Tempo – alles wirkt eher wie das Erstlingswerk eines mäßig begabten Filmakademie-Absolventen. Wenn die Handlung mal ein paar Szenen lang Fahrt aufnimmt und Spaß zu machen beginnt, schafft es Weingärtner zielsicher, Tempo und Spannung wieder vollständig rauszunehmen. Die Rollen sind klar verteilt, es gibt nur schwarz und weiß, und die Story ist ohne jegliche Überraschungen nach dem Standard-Schnittmuster inszeniert.

Was das Ganze trotz aller Ärgerlichkeit und handwerklicher Mittelmäßigkeit immer noch unterhaltsam und halbwegs sehenswert macht, ist die brillante Grundidee. Das witzige Setting einer Spaßguerilla, die durch Einschaltquoten-Manipulation die Welt verbessern will, tröstet über die vielen Unzulänglichkeiten teilweise hinweg, und in vielen Szenen blitzt immer mal wieder auf, was für ein großartiger Film aus diesem Thema hätte werden können.

Free Rainer, Deutschland/ Österreich 2007 – deutscher Kinostart: 15.11.2007
4/10 Punkte
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