The Reader (Der Vorleser)

“What would you have done?”

Die Verfilmung von Bernhard Schlinks Erfolgsroman “Der Vorleser” hat Kate Winslet endlich den verdienten Oscar eingebracht. Wer das Buch noch nicht kennt, sollte sich am besten den Film anschauen, ohne vorher zuviel von der Geschichte in Erfahrung zu bringen, damit sich die Handlung voll entfalten kann. Die Geschichte lebt davon, ein paar überraschende Wendungen bereitzuhalten, um die Pointe in ihrer ganzen Tragik auszuspielen. Daher sei hier nur soviel angedeutet: der Schüler Michael lernt die deutlich ältere Hanna kennen, die ihn in die Geheimnisse der “Liebe” einweiht. Im Gegenzug liest Michael Hanna Bücher vor. Erst viel später entdeckt Michael, dass Hanna eine dunkle Vergangenheit hat, die sie einholt und auch die Beziehung zwischen Hanna und Michael in ein anderes Licht rückt.

Die Geschichte über Schuld und Verantwortung, Recht und Gerechtigkeit wirft viele spannende Frage auf, ohne gleich allzu triviale Antworten mitzuliefern. Unter anderem die Frage, inwieweit sich jemand moralisch schuldig machen kann, der die Tragweite seiner eigenen Taten überhaupt nicht versteht. Die Empathie mit der Tätersicht und Schlinks Verweigerung einer schlichten schwarz/weiß Zeichnung hat dem Buch (und dem Film) viel Kritik eingebracht, macht aber gerade die Faszination des Stoffes aus: Täter sind keine seelenlosen Monster, sondern Menschen, die an bestimmten Stellen im Leben die falschen Entscheidungen getroffen haben. Was keine Entschuldigung für ihre Taten ist, aber den Figuren eine Tiefe und Differenziertheit verleiht, die man sonst oft vermisst.

Auch für die zahlreichen Kenner des Buches ist die gefühlvolle Inszenierung von Stephen Daldry sehenswert. Der britische Regisseur läßt sich viel Zeit, um die Figuren und die Geschichte zu entwickeln, und wird der Komplexität der Romanvorlage durchaus gerecht. Keine geringe Leistung, die Handlungsebenen und die Fülle unterschiedlicher Themen, zwischen Liebe, historischer Schuld, persönlicher Scham und Vergebung auf zwei Stunden zu verdichten. Wer allerdings dramatische Action erwartet, wird von The Reader sicher enttäuscht sein. Die Ausstattung des Nachkriegsdeutschlands von den 50er Jahren bis heute ist sehr sehr stilecht umgesetzt und wird von der Kamera in stimmungsvollen Bildern eingefangen. Nur bei der Maske erlaubt sich The Reader ein paar Schwächen. Wenn Hauptdarstellerin Hanna am Ende Jahrzehnte gealtert ist, sieht sie nicht aus wie eine alte Frau, sondern wie Kate Winslet mit zuviel Schminke.

Kate Winslet ist allerdings ansonsten die perfekte Besetzung für die resolute und verbittert Hauptdarstellerin, die trotz ihrer Härte und Verhärmtheit eine sehr präsente erotische Ausstrahlung hat. Winslet gibt dieser nach außen völlig verschlossenen Figur der Hanna eine beeindruckende Tiefe, alleine durch Blicke, Mimik, reduzierte Gestik. Auch der übrige Cast ist sehr gut besetzt, neben den routinierten Stars Bruno Ganz und Ralf Fiennes überzeugt auch Nachwuchsschauspieler David Kross als junger Michael Berg, der vom schüchternen Jüngling zum selbstbewußten Liebhaber heranwächst.

Ein wenig eigentümlich ist es allerdings, den weitgehend deutschen Cast mit deutschem Akzent parlieren zu hören. Besonders merkwürdig ist dabei der angedeutete deutsche Akzent von Kate Winslet, der man wohl mal erzählt hat, als Deutscher müsse man vor allem laut und stoßartig sprechen.

The Reader (Der Vorleser), USA, Deutschland 2008 – deutscher Kinostart: 26.02.2009
9/10 Punkte
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