Shoppen

„Er muß zuverlässig sein, schlank, hilfsbereit, eloquent, muß immer Zeit für mich haben, und außerdem soll er eifersüchtig sein und tolerant. Ich will spüren, dass er an mir hängt. Er kann ruhig rumschnüffeln. Das ist mir wurscht. Hauptsache keine Gleichgültigkeit. Eifersucht ist gut. Gut fürs Selbstbewusstsein. Und tolerant soll er sein, falls mir doch einmal ein Ausrutscher passiert.“ – Susanne.

Intelligenter Ensemble-Film über 18 Großstadt-Singles, die über Speed-Dating eine nette Bekanntschaft, die große Liebe oder auch nur den nächsten one-night-stand finden wollen.

Speed-Dating ist war eine Zeit lang sehr angesagt: Die Idee ist, dass sich eine Gruppe von Singles pärchenweise gegenübersitzt um sich kennenzulernen, und alle 5 Minuten werden die Partner gewechselt. Am Ende kann dann jeder bestimmen, wem er seine Telefonnummer bekanntgeben will – aus dem vorgestellten Single-Angebot shoppen, sozusagen.

Eigentlich ein gutes Setting für eine “lustige” deutsche Beziehungskomödie mit lockeren Sprüchen, Herz-Schmerz, und unvermeidlichem Happy End. Shoppen geht aber einen anderen Weg. Der nüchterne Dokumentarstil, zusammen mit dem sterilen Setting des Speed-Datings in einer weiß getünchten leeren Halle sorgt dafür, dass schon hierdurch kein allzu gefühlsduseliges Beziehungskomodienfeeling aufkommt. Die Figuren schwanken zwischen amüsant, liebenswert und bemitleidenswert und tragisch:

Da ist zum Beispiel Falk (Christian Pfeil), der selbstverliebte Profi-Dater, dem wir dabei zuschauen dürfen, wie er stundenlang vor dem Spiegel die richtige Mimik und die perfekten Sprüche einübt, um die attraktivsten Teilnehmerinnen beim Dating zu gewinnen. Oder Jasmin (Julia Heinze), die kurz vor der Hochzeit nochmal prüfen will ob sich nicht doch was besseres finden lässt. Oder die forsche Susanne (Anna Böger), die ihre Ansprüche an den zukünftigen Traummann genau aufzuzählen weiss und jedem Interviewpartner erstmal über diese Messlatte springen läßt, und sich dann wundert, dass keiner bei ihr anbeißt. Oder Jürgen (Stephan Zinner), der Naturbursche aus Partenkirchen, der in München das große Abenteuer sucht, weil auf dem Land alle Frauen schon vergeben sind. Oder Markus (Martin Butzke), der Öko-Faschist, der seine letzte Freundin dadurch verloren hat, dass er nicht mit ihr in ein Taxi ohne Dieselrußfilter steigen wollte. Oder die nicht mehr ganz so frische Isabella (Katharina Schubert), die verzweifelt einen Mann sucht, um eine Familie zu gründen, aber gelernt hat, auf die Frage nach dem Kinderwunsch mit nein zu antworten, um potentielle Kandidaten nicht zu verschrecken.

Der Film führt die Figuren ein, indem er die sehr unterschiedliche Vorbereitung auf den großen Event zeigt: der eine probt vor dem Spiegel, die andere checkt detailliert beim Veranstalter, ob auch ja niemand ohne ihre Zustimmung die Telefonnummer bekommen kann, ein dritter mietet in weiser Voraussicht ein Zimmer für die angestrebten heißen Liebesnächte. Bis zum Aufeinanderprallen dieser unterschiedlichen Charaktere beim eigentlichen Speed-Dating Event kann sich der Zuschauer dann schon einige haarsträubende Konstellationen ausmalen. Am Ende läßt uns “Shoppen” dann auch nicht im Unklaren, wer sich letztendlich mit wem zusammenfindet, und findet eine gute Mischung aus komischen Situationen, Tragik und Happy End.

Auch wenn man bei der Vielzahl der Protagonisten zwischenzeitlich etwas durcheinander kommt, schafft es Regisseur und Autor Ralf Westhoff erstaunlich gut, über die 95 Minuten allen 18 Figuren eine gewissen Tiefe zu geben, die über die scherenschnittartige Kurzcharakterisierung (machohafter Aufreißer, sexsüchtiger Vamp, schüchternes Mauerblümchen) hinausgeht. Die Figuren sind durch die Bank glaubwürdig, auch wenn sie streckenweise etwas sehr zugespitzt wurden (z.B. der Anzugtyp, von Beruf Controller, der jedes 5 Minuten-Interview per vorbereitetem Fragebogen abhakt). In abgemilderter Form hat man diese Typen alle schon mal im richtigen Leben gesehen. Die Schauspieler, zum großen Teil Nachwuchstalente aus dem Ensemble der Münchner Kammerspiele, spielen allesamt auf hohem Niveau. Der Film weiß jederzeit die Balance zu halten zwischen komischen und tragischen Momenten, hat ein stimmiges Timing, und bleibt dabei bis zum Schluß höchst unterhaltsam.

Das Münchner Setting birgt für Münchner vermutlich noch eine Reihe lokaler Anspielungen und Gags, die einem norddeutschen eher verschlossen bleiben, aber dieses Lokalkolorit verleiht der Geschichte durchaus weitere Glaubwürdigkeit, die ein anonymes Großstadtsetting vielleicht nicht hätte.

Shoppen, Deutschland 2006 – deutscher Kinostart: 03.05.2007
9/10 Punkte
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