Der Rote Baron

“Ich werd selber eine Legende – ich werd das Ass der Asse” – was Regisseur Nikolai Müllerschön nach diesem Film eher nicht von sich behaupten kann

In Hollywood gibt es eine eherne Regel, nach der Filme über den 1. Weltkrieg grundsätzlich floppen. Letztes Beispiel war der unsägliche Flyboys, der an der Kinokasse zu recht durchgefallen ist. Aber schlechte Erfolgsaussichten haben noch keinen deutschen Filmproduzenten davon abgehalten, Geld in ein Projekt zu stecken, und so ist die für deutsche Verhältnisse Mega-Produktion Der Rote Baron entstanden. Und erwartungsgemäß an der Kinokasse gefloppt. Dabei ist die historische Vorlage durchaus leinwandfüllend: Manfred von Richthofen, wegen seines rotlackierten Flugzeugs der rote Baron genannt, war das deutsche Fliegerass des ersten Weltkrieges, der 80 gegnerische Flieger abgeschossen hat. Er wurde schon zu Lebzeiten als Held in der Kriegspropaganda verwendet, und bis heute sind zahlreiche Straßen, Kasernen und ein Jagdgeschwader der Luftwaffe nach ihm benannt. Genug Stoff also für eine Verfilmung, was man schon 1927 mit “Richthofen, der rote Ritter der Luft” tat, und in Folge immer mal wiederholte. Ab 1980 gesellte sich dann auch die erfolgreiche Red Baron Computerspielserie hinzu. Die neue 18-Millionen Euro Verfilmung zeigt das Leben von Richthofens als großes Ausstattungskino mit aufwändigen Flugszenen.

Die Schauspieler wirken in diesem Historiendrama anfangs erstaunlich deplaziert, Matthias Schweighöfer und vor allem Till Schweiger sehen aus wie Matthias Schweighöfer und Till Schweiger in Kostümen, und nicht wie Baron von Richthofen und sein Kamerad Werner Voss im Jahr 1916. Dazu trägt die anfangs erstaunlich hölzerne Inszenierung bei, die erst langsam in Fahrt kommt.

Filme über den ersten Weltkrieg haben oft die Angewohnheit, den Krieg als sportlichen Wettkampf zwischen den Nationen zu zeigen, als ehrbaren Streit, weil die Lage hier noch nicht vergiftet war von Nazitum und Holocaust, und Gut und Böse noch nicht so eindeutig verteilt waren. Auch Der Rote Baron tendiert in diese Richtung (”Meine Herren, wir sind Sportsmänner, keine Schlächter”), das Massensterben in den Schützengräben (während der fünfmonatigen Schlacht an der Somme starben alleine eine Million Soldaten) gerät erst sehr spät ins Blickfeld, erst gegen Ende verdüstert sich die Stimmung, die Kameraden sterben einer nach dem anderen und Krieg ist auf einmal kein Spaß mehr. Erst hier entwickelt der Film eine Tiefe, die der Thematik gerecht wird.

Über weite Strecken aber wird der Film bestimmt von Ehrenmänner in den fliegenden Kisten, die auch den Feind respektieren und natürlich keine Kriegsverbrechen begehen, sondern einen anständigen Krieg führen. Alles ein wenig zu glatt und ehrfurchtsvoll inszeniert. Um Richthofen und seine Kameraden noch ein wenig strahlender aussehen zu lassen, wird als Gegenpol Richthofens kleiner Bruder Lothar aufgebaut, der anfangs fanatisiert und blasiert in den Krieg zieht, und keine Rücksicht auf die Ehrenkodizes der Fliegerstaffel nimmt.

Alleine Lena Headey als Krankenschwester und Geliebte von Richthofens darf dem ruhmreichen Treiben der Flieger einige wenige Male den Spiegel vorhalten und darauf hinweisen, dass in diesem Krieg Menschen sterben oder verstümmelt werden, und das Gros der Soldaten in den Schützengräben nicht so privilegiert ist wie die adligen Fliegerasse.

Die Dialoge sind oft unfassbar hölzern , so darf Richthofen zu seiner Krankenschwester sagen “du bist mein größter Sieg”, oder in einer schwülstigen Szene General Hindenburg erklären, dass der Krieg doch unsinnig sei und Deutsche, Franzosen und Engländer sich doch besser vertragen sollten. Neben diesen eher peinlichen Momenten wird der Rote Baron zum Ende hin aber deutlich stärker und spielt das historische Setting voll aus. Großes Ausstattungskino, visuell über weite Strecken beeindruckend umgesetzt. Highlight sind natürlich die Aufnahmen der Luftkämpfe, die erwartungsgemäß rasant und wunderschön anzusehen sind, auch wenn die Protagonisten unter den Fliegermützen kaum auseinanderzuhalten sind und man nur schwer verfolgen kann, wer jetzt mit welchem Flugmanöver wem hinterherjagt. Aber die Szenen der Doppeldecker unter strahlend blauem Himmel, über den graubraun getünchten Schlachtfeldern, sind wirklich sehenswert. Eine bemerkenswerte Entscheidung ist es in diesem Zusammenhang, den letzten Luftkampf von Richthofens außerhalb der Leinwand stattfinden zu lassen.

Im Vergleich mit US-Produktionen wie Flyboys oder Pearl Harbour braucht sich Der Rote Baron nicht verstecken, ist im Vergleich zu dem Hollywood-Schinken geradezu ein Quell differenzierten Storytellings und glaubwürdiger Charakterzeichnung. Das liegt aber eher am unterirdischen Flyboys und unerträglich pathetischen Pearl Harbour, als an der Qualität von Der Rote Baron. Insgesamt aber durchaus sehenswert, mit beeindruckenden Schauwerten.

Der Rote Baron, Deutschland, England 2008 – deutscher Kinostart: 10.04.2008
6/10 Punkte
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