Bordertown

“You wanna kill a woman for any reason? You come to Juárez.”

Der Streifen zur Globalisierungsdebatte: Nachdem im Fast Food Nation die Ausbeutung mexikanischer Gastarbeiter in den USA thematisiert wurde, befasst sich Bordertown mit der Situation der mexikanischen Arbeiter auf der anderen Seite der Grenze. Das ganze aber nicht als stilles Kammerspiel, sondern als hochkarätig besetzte Actionstory mit Jennifer Lopez, Antonio Banderas und Martin Sheen. Sogar Latino-Star Juanes hat einen Gastauftritt.

Die ehrgeizige Journalistin Lauren Adrien (Jennifer Lopez) bekommt von ihrem Chef den Auftrag, über eine Serie von Morden in der mexikanischen Grenzregion bei Juárez zu recherchieren. Die Arbeiterinnen in den Fabriken dort müssen Tag und Nacht arbeiten, und werden auf dem Arbeitsweg häufig überfallen und vergewaltigt oder sogar ermordet (im Film wird von bis zu 5000 ermordeten Frauen seit den 90er Jahren gesprochen). Lauren will zunächst das Thema nicht annehmen (”nobody gives a shit about Mexico”), aber ihr Chef (Martin Sheen) überzeugt sie mit dem Versprechen, anschließend einen Auslandskorrenspondenten-Job zu bekommen.

Lauren wendet sich an ihren alten Freund Alfonso Diaz (Antonio Banderas), der in Juárez eine unabhängige Zeitung macht. Über ihn lernt sie Eva kennen, eine junge Frau, die vergewaltigt und lebendig begraben wurde, sich dann aber noch retten konnte und nun vor ihren Vergewaltigern geschützt werden muss. Zunächst noch vor allem um eine gute Story bemüht, beginnt sich Lauren bei der Recherche immer mehr mit Eva und ihrem Schicksal zu identifizieren. Der Kontrast zwischen erfolgreicher amerikanischer Journalistin und ausgebeuteter mexikanischer Arbeiterin ist ein zentraler Bestandteil des Films: Ihr Leben könnte unterschiedlicher kaum sein, hätte aber durch eine andere Fügung des Schicksals durchaus ähnlich verlaufen können – Lauren, die in Mexiko geboren und als Kind von Amerikanern adoptiert wurde stellt fest: “I could be one of the women in these factories”. Bei der Recherche nach Evas Vergewaltigern gerät Lauren zusehends in einem Sumpf aus Gewalt, korrupten Polizisten und Politikern und mexikanischen Fabrikbesitzern, die von der Ausbeutung der Arbeiter profitieren und in ungeheurem Luxus leben.

Regisseur Gregory Nava verpackt ein ernstes Anliegen in einen konventionellen Thriller, dessen Optik von trostlosen Bilder aus den Slums und Rotlichtvierteln Mexikos bestimmt ist. Das Setting erinnert stark an Erin Bronkowitch, in dem Julia Roberts die investigative Journalistin gab, die einen Umweltskandal aufdeckt. Die Story hat ein paar kleinere Löcher, allem voran die Ausgangssituation, dass eine große Chicagoer Zeitung sich dermaßen für eine Mordserie in Mexiko interessiert. Oder dass die einzige Möglichkeit, die Mörder zu identifizieren darin zu bestehen scheint, dass Lauren selbst den Lockvogel für die Vergewaltiger spielen muss. Die actionmäßig zugespitzte Story verwässert ein wenig die zugrundeliegende Aussage (die auf wahren Begebenheiten beruhen soll), dennoch ist das ganze unterhaltsam inszeniert und handwerklich gut gemacht, mit stimmungsvollem Soundtrack und eindrucksvollen Bildern. Hauptdarstellerin Lopez wird sicher nicht den Oscar für ihre Schauspielleistung bekommen, aber liefert eine solide Performance ab.

Bemerkenswert ist die für einen US-Mainstream-Film überraschend unverbrämte Sozialkritik, und zwar nicht nur an den Zuständen in Mexiko, sondern an deren Ursprüngen, die in der US-Gesellschaft gesehen werden – schon zu Beginn macht der Film klar, dass für die Situation in den mexikanischen Grenzstädten und die Ausbeutung der Arbeiterinnen vor allem das Handelsabkommen mit den USA (NAFTA) verantwortlich ist, von dem die großen amerikanische Konzerne profitieren: “It isn’t free trade, it’s slave trade”, bringt die Hauptdarstellerin es auf den Punkt. Und auch die amerikanischen Medien bekommen ihr Fett weg. Als der Chefredakteur Lauren erklären muss, dass ihre Story nicht gedruckt wird, erklärt er ihr gleich den gesamtgesellschaftlichen Trend in den USA, in dem freier Journalismus nichts mehr zu suchen hat: “Corporate America is running the show now, and their news agenda is free trade, globalization and entertainment”. Für das gesellschaftliche Engagement des Films gabs denn auch einen Award von Amnesty International auf der letzten Berlinale. Und vermutlich ne Menge Geld von der Zigarettenindustrie – so oft und prominent im Bild wie Jennifer Lopez in Bordertown hat man schon lange keinen Star mehr rauchen sehen.

Bordertown, USA/Großbritannien 2006 – Kinostart Deutschland: 22.02.2007
7/10 Punkte
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