Live Free or Die Hard (Stirb Langsam 4.0)

“20 Prozent auf alles – außer Tiernahrung”

Das Setting von Stirb Langsam 4.0 schlägt eine Brücke zwischen der etwas angestaubten Action-Welt der Die Hard Filme aus den 90ern und dem Internet-Zeitalter des Web 2.0: John McLane (Bruce Willis), der “analoge” Action-Held des letzten Jahrhunderts, kämpft gegen die digitale Herausforderung des Cyber Terrorismus. Eine kriminelle Vereinigung hat sich in alle Datennetze eingehackt und schaltet nach Belieben Verkehrsregelung, Strom und Telekommunikation aus. Auch die Regierungsstellen zur Abwehr von Cyberterrorismus werden gehackt, so dass alles an McLane und seiner konventionellen Art der Terrorismusbekämpfung mit den Fäusten hängt.

Der Film schlägt viel Kapital aus der Situation, dass McLane keine Ahnung von Computern und moderner Technik hat, dafür umso mehr von Feuerwaffen und Faustkämpfen. Für die digitalen Spielereien hat er den nerdigen Hacker Matt (Justin Long) an seiner Seite, der mit einem Nokia Communicator mal eben in Regierungsnetze eindringt. Justin Long (gerade noch in der College-Komödie Accepted zu sehen) gibt den schüchternen Hacker an der Seite des großen Action-Helden Willis sehr symphatisch und treibt zum Glück nicht jedes Nerd-Klischee bis zum Ende. Allerdings nimmt es das Drehbuch nicht so ganz genau mit dem technisch Machbaren im Internet-Zeitalter. Dass sich eine Bande von Cyberterroristen in alle Netzwerke einhackt und Verkehrsampeln manipuliert, Energienetzwerke lahmlegt und Handynetze sabotiert, ok, mag mit viel gutem Willen sein. Aber dass man eben mal einen Virus in einen Computer lädt, der dazu führt, dass bei Drücken der Enter-Taste das ganze Haus explodiert… naja. Da blutet das Informatikerherz.

Die Stirb Langsam Reihe hatte immer sehr überzeugende Bösewichte: In Teil 1 Alan Rickman als eleganter Terrorist Hans Gruber, in Teil 2 William Sadler als eiskalter Col. Stuart, in Teil 3 dann Jeremy Irons als skrupelloser Simon Gruber. Auch diesmal ist mit Timothy Olyphant als Cyberterrorist Thomas Gabriel ein überzeugender Schurke gefunden, der per Headset als eiskaltes Mastermind im Hintergrund seine Schergen steuert und damit wieder einen guten Gegenpart bietet zum permanent blutüberströmten Willis, der von einer Action-Szene zur nächsten hastet (das sieht allerdings nicht jeder so).

Kevin Smith darf mal wieder in einer Nebenrolle glänzen als freakiger Oberhacker “Warlock” (zuletzt nicht unähnlich besetzt in Catch and Release, in dem auch Timothy Olyphant mitspielte). Ganz witzig seine Hackerbude im Dachgeschoß des Elternhauses, komplett mit Star Wars Figuren, Asteroids-Automat und “Gears of War”-Trailer auf dem PC. Ansonsten bleibt Smiths Rolle etwas ungenutzt, da hätte man noch mehr rausholen können.

Stirb Langsam hat es noch nie allzu genau genommen mit Realismus und für einen guten Stunt gerne mal die Glaubwürdigkeitsgrenze gedehnt. Teil 4 dreht die Action-Spirale aber nochmal um einiges auf und bewegt sich teilweise auf einem Niveau mit True Lies oder Charlie’s Angels, wo die Actionszenen nur noch als überdrehter comichaften Spaß gezeigt wurden. Nur ist Die Hard trotz pointierter One-Liner nie eine Komödie gewesen wie True Lies, sondern immer eher ein eher düsterer und harter Action-Streifen, daher hätte es dem Film gut getan, auf die haarsträubensten Stunts zu verzichten: Dass Willis von 10 Meter hohen Gerüsten fällt und kurz danach wieder aufsteht, oder ständig unter MG-Feuer liegt und keine Kugel abgekommt, mag man für einen Actionhelden akzeptieren. Aber dass er seine Gegnerin Mai (Maggie Q) erst mit dem Auto frontal rammt und dann an der nächsten Wand zerquetscht, diese aber danach immer noch lustig weiterkämpft, ist dann doch etwas zuviel des Guten. Wirklich albern wird das ganze dann zum Schluß mit einer “Lkw gegen Kampfjet” Szene, die selbst in einer Comicverfilmung peinlich gewesen wäre. Auch die Story darf man nicht allzu sehr hinterfragen, hinter der Hochglanzoptik und rasanter Fassade von Cybertricks und Explosionen verbergen sich so einige Löcher in der Geschichte. Glücklicherweise ist das Tempo so hoch, dass man kaum Gelegenheit hat, das ganze tiefergehend zu hinterfragen.

Dennoch, Stirb Langsam 4.0 ist großes Kino. Der Film hält von Beginn an ein hohes Tempo und langweilt nie. Bruce Willis aka John McLane ist eine Ikone des amerikanischen Action-Kinos, und der Film ist sich dessen in jeder Szene bewußt. Willis spielt die Rolle wieder souverän mit einer Mischung aus Coolness, Wahn und Resignation, und darf in einigen Dialogen dann auch mal hinterfragen, was es überhaupt ausmacht, ein Held zu sein. Unterstützt wird die Ikonisierung von McLane dadurch, dass diesmal wieder Manfred Lehmann synchronisieren durfte (der aus der Praktiker-Werbung), nachdem in Stirb Langsam 3 Bruce Willis ausnahmsweise von Thomas “Stallone-Schwarzenegger-Travolta” Danneberg gesprochen wurde. Lehman spricht die streckenweise recht hölzernen Dialoge gewohnt überzogen cool, was gut in das übersteigerte Action-Bild von Wills/McLane passt, dass die Stirb-Langsam Serie gezeichnet hat.

Wenn man will, kann man in die Story auch eine subtile Kritik am Krisenmanagement der amerikanischen Regierung und ihrer Reaktion auf den 9/11 Anschlag reininterpretieren. Das Department of Homeland Security wird in einer Szene als völlig überforderter nutzloser Haufen gezeigt, der von der Krisensituation überrollt wird. Hacker Farrell erklärt McLane an einer anderen Stelle, dass auf die Regierungsstellen in Krisenzeiten nicht zu vertrauen sei: “Sie haben 5 Tage gebraucht um Wasser in den Superdome zu bringen”. Letztlich muss dann doch wieder John McLane auf eigene Faust die Welt retten.

Teil 4 ist übrigens eines der wenigen Beispiele für eine wirklich gelungene Titelübersetzung, die sogar besser ist als das Original. Während im englischen aufgeblasen (und ohne Story-Bezug) von “live free or die hard” die Rede ist, trifft “Stirb Langsam 4.0″ den Punkt viel besser (wer hätte das gedacht, sogar der notorische Deutsch-Titel-Hasser Batzman sieht das ähnlich).

Live Free or Die Hard (Stirb Langsam 4.0), USA 2007 – deutscher Kinostart: 28.06.2007
8/10 Punkte
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