Sicko

“I want America to have the finest health care in the World” – Richard Nixon

Obwohl es eine weitverbreitete Haltung in Deutschland war, George Bush doof zu finden, und damit auch alle Bush-Kritiker mit einer grundsätzlichen Symphatie zu betrachten, ist es mittlerweile politisch nicht mehr korrekt, Michael Moore gutzufinden. Zu polemisch, manipulativ und unseriös sei er, dabei weniger an der Sache als an seinem eigenen Ruhm interessiert. In der Tat, Moores Reportagen wie Fahrenheit 9/11, Bowling For Columbine oder Roger & Me sind tendenziös, ideologisch höchst einseitig, und Moores Argumentationsstil eine perfide Mischung aus gespielter Naivität und cleverer Faktenverdrehung. Aber sie sind vor allem auch eins: sehr gute Unterhaltung.

In seinem Film über das amerikansiche Gesundheitssystem stellt Moore – wie immer – einfache Fragen: Wie kann es sein, dass in einem Land wie den USA 47 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung leben, und selbst die Versicherten im Krankheitsfall in den finanziellen Ruin getrieben werden, ihr Haus verlieren und bis ins hohe Rentenalter arbeiten müssen, um für die Medizin bezahlen zu können.

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung von den Feinheiten des amerikanischen Gesundheitssystems, und Michael Moore ist sicher nicht der vertrauenserweckendste Informant für eine objektive Einführung in dieses Thema. Aber bei Sicko ist es wie bei Fahrenheit 9/11: Selbst wenn man von Moores Aussagen die Hälfe und mehr abzieht für demagogische Darstellung, Halbwahrheiten und Faktenverdrehung, bleibt immer noch genug übrig für einen handfesten Skandal.

Sicko beginnt mit einer ergreifende Nummernrevue von Einzelschicksalen, die alle in der einen oder anderen Form tragische Erlebnisse mit dem US-Gesundheitssystem beschreiben. Es ist natürlich immer problematisch, auf Basis von Einzelschicksalen zu verallgemeinern – was Moore aber nicht davon abhält, genau das zu tun. Seine Kernaussage: Die amerikanischen Krankenversicherungen sind nur am Profit interessiert, Arme und Kranke haben noch nicht mal die Chance, sich zu versichert, und wer versichert ist, wird im Krankheitsfall von den Versicherungen mit allen Methoden abgewimmelt.

Die von Moore angeklagte Praxis der privaten Krankenversicherungen, im Schadensfall erstmal nach allen Möglichkeiten zu suchen, nicht bezahlen zu müssen, ist nicht wirklich eine neue Entdeckung, das ist letztlich auch in Deutschland die Praxis aller privaten Versicherungen. Wer in Deutschland beim Antrag für eine private Krankenversicherung absichtlich oder unabsichtlich falsche Angaben macht, verliert im Krankenfall den Versicherungsschutz und steht im Regen. Allerdings gibt es hier im Gegensatz zu den USA noch eine Alternative in Form der gesetzlichen Krankenversicherung.

Moore hält immer voll drauf wenn die Interviewpartner tränenüberströmt ihre Tragödien erzählen. Das kann man schamlos finden, andererseits weidet sich Moore nicht am Schicksal dieser Leute, sondern bringt es an die Öffentlichkeit, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Auf der anderen Seite des emotionalen Spektrums packt er wieder jede Menge optische und akkustische Collagen und Gimmicks in die Filmszenen, um seine Aussagen ironisch zuzuspitzen. Schön z.B. die Szene, in der sich eine Gruppe von Kongressabgeordneten versammelt und auf einmal über jedem Kopf ein Preisschild erscheint, dass die Spendengelder der Pharmaindustrie für jeden einzelnen Abgeordneten angibt (”here is what it costs to buy these men, this woman, and this guy, and him, too”). Auch eine Spitze gegen die bekannteste Anti-Moore Internetseite moorewatch.com kann er sich nicht verkneifen, die hat es allerdings in sich (weiss nicht, ob man bei einem Dokumentarfilm überhaupt spoilern kann, aber die Pointe ist einfach zu gut um sie hier zu verraten, wer es direkt sehen will, findet den Ausschnitt hier).

Sicko beschäftigt sich mit einem sehr amerikanischen Thema – was Sicko aus deutscher oder britischer Sicht dennoch sehenswert macht, ist Moores Ansicht, dass ein sinnvolles Gesundheitssystems ziemlich dem nahekommt, das wir hier in Deutschland haben. “Socialised Medicine”, also eine staatliche Pflichtversicherung, wie es sie in Deutschland wie in den meisten industrialisierten Ländern gibt, ist für Moore das Allheilmittel. Das ist eine durchaus erfrischend neue Perspektive im zähen Streit um das hiesige marode Gesundheitswesen und die Debatten um mehr Privatisierung, Eigenanteile und Selbstvorsorge. Natürlich blendet Moore die negativen Aspekte eines solchen Modells aus: In den von ihm als positive Beispiele herangezogenen Ländern Kanada, Frankreich und England ist die medizinische Versorgung natürlich nicht “free” wie er immer sagt, sondern kostet jeden einzelnen der arbeitenden Bevölkerung ein kleines Vermögen im Monat an immer weiter steigenden Beiträgen (in der Tat stellt er fest “they must be drowning in taxes”, bleibt hierzu aber eine weitere Ausführung schuldig). Und die französische Familie mit 8000$ Monatseinkommen, zwei Autos und eigenem Appartment, die Moore als Beispiel für die hohe Lebensqualität in Frankreich heranzieht, ist auch nur bedingt repräsentativ, da hätte man genauso gut auch eine arbeitslose Einwandererfamilie aus der französischen Vorstadt zeigen können, um zu demonstrieren, dass Frankreich in Wirklichkeit ein Drittweltland ist.

Aber es ist in der Tat nicht verkehrt sich mal anzuschauen, was ein radikal anderes, auf rein privater Vorsorge basierendes System wie in den USA bedeuten würde, bevor man die deutschen Zustände allzu sehr verteufelt. Und auch wenn Moore ein ideologisch verbohrter Vereinfacher ist, bringt er seine Message zumindest mit viel Augenzwinkern und Humor rüber. Die Argumentation ist manchmal haarsträubend, aber in ihrer Gegenüberstellung auch oft frappierend: So lässt er amerikanischen Regierungsvertreter die Haftbedingungen in Guantanamo rechtfertigen, indem sie die exzellente medizinische Versorgung der Häftlinge dort beschreiben, während er kurz vorher das Schicksal New Yorker Feuerwehrmänner geschildert hat, die nach 9/11 erkrankt sind und nicht genügend medizinische Hilfe bekommen.

Schön auch die Einblendung im Abspann: “Any American interested in marrying a Canadian for health care can go to: http://www.hook-a-canuck.com”

Sicko, USA 2007 – deutscher Kinostart: 11.10.2007
8/10 Punkte
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