Slacker Uprising

“Even though many of us in here see you as a deviant form of behavior, Republicanism, Right-wing-ism, we’ll still let you marry each other.”

Was auch immer man von Michael Moore politisch halten mag, eines haben seine Filme eigentlich immer: blendend unterhalten. Sein Werk “Slacker Uprising” hat er als Geschenk an seine Fans kostenlos über das (amerikanische) Internet zum Download verteilt, was vermutlich ein kluger Schachzug war. Denn anders als seine früheren Filme ist Slacker Uprising für einen Kinofilm schlicht zu langweilig.

Der Film dokumentiert die Vortragsreise von Moore im Jahr 2004, mit der er kurz vor der Wahl unentschlossene junge Nichtwähler für John Kerry, den damaligen Konkurrenten von George W. Bush, gewinnen wollte. Um die unpolitischen “Slacker” zur Wahl zu bewegen, versprach er ihnen als Belohnung u.a. einen Tagesvorrat des Slacker-Gerichts Ramen Noodles (heißes Wasser drüber, fertig ist die Mahlzeit) oder ein Pack saubere Unterwäsche. Was ihm seitens der Republikaner gleich Klagen wegen Wählerbestehung einbrachte, obwohl Moore bewußt nur zum Wählengehen, und nicht zum Wählen der Demokraten aufgefordert hatte. So witzig Moores Einfälle auch sind, der Film beschränkt sich im wesentlichen auf Mitschnitte seiner Veranstaltungen. In voller Länger werden unspektakuläre Liveauftritte von Gastmusikern mit Gitarre und Botschaft, z. B. von Joan Baez, Tom Morello oder in Deutschland (noch) unbekannteren Künstlern gezeigt, was in etwa so spannend ist wie eine Liveübertragung von evangelischen Kirchentag. Das ganze ist ohne nennenswerten Spannungsbogen oder Storyline inszeniert, einzig der Countdown zum Wahltag soll wohl ein wenig Dramatik erzeugen, was angesichts des bekannten Ergebnisses aber auch nicht wirklich gelingt.

Die Selbstinszenierung, die Moore schon immer sehr gut beherrscht hat, wird hier ziemlich auf die Spitze getrieben: Immer wieder sieht man volle Hallen und Stadien, in denen die Massen Moores Worten lauschen und ihm frenetisch zujubeln. Moore, der Heilsbringer, der die Amerikaner von den bösen Republikanern befreien will, der aber trotzdem ganz der Durchschnittskumpel mit Baseball-Kappe und Bierbauch geblieben ist, so gefällt sich Moore am besten.

Man muss auf der anderen Seite aus europäischer Perspektive vorsichtig sein, vorschnell über diese Selbsinszenierung zu urteilen. Wer einmal in Amerika außerhalb der großen Metropolen unterwegs war, auf dem platten Land, wo die zahlreichen Kirchen am Sonntag gut gefüllt sind, Fremde argwöhnisch betrachtet werden und an jedem zweiten Geschäft eine amerikanische Flagge weht, bekommt ein Gefühl dafür, wieviel Mut dazugehört, mit einer Botschaft wie Moore sie verkündet durchs Land zu ziehen und den Zorn konservativer Kreise auf sich zu ziehen. Im Film wird die Feindschaft und der offene Haß, der Moore entgegenschlägt, an einigen Stellen sehr deutlich, auch wenn das Ausmaß der haßerfüllten Stimmung und Hetze, die gegen vermeintlich unpatriotische Personen in den USA erzeugt werden kann, aus ferner Perspektive nur schwer wirklich nachvollziehbar ist. Die politische Diskussion in den USA ist in viel stärkerem Ausmaß von Freund/Feind Denken geprägt, als man das im großkoalitionären Deutschland gewohnt ist.

Leider nur in wenigen Stellen blitzt der Witz auf, der Moores bisherigen Filme ausgezeichnet hat, etwa wenn er die auf seinen Vorträgen auftauchenden Anti-Moore-Aktivisten auf die Schippe nimmt: Z.B. bibeltreue Christen, die lautstark das Vater Unser beten, um seinen Vortrag zu stören. Leider reicht das nicht, um über die gesamte Spielzeit zu unterhalten. Und letztlich – obwohl im Abspann triumphierend aufgezählt wird, wie erfolgreich die Slacker Uprising Tour gewesen ist, wie hoch der Prozentsatz junger Wähler für John Kerry war, gerade in den Staaten, in denen Moore besonders aktiv war – es bleibt die bittere Wahrheit, dass all das nichts gebracht hat, die ganze Euphorie und Stimmungsmache four more years für Bush nicht verhindert haben. Gerade diese Perspektive, das Wissen darum, dass es kein Happy End gibt und all die Aufregung umsonst war, läßt viele der enthusiastischen Anti-Bush-Aktionen ein wenig lächerlich erscheinen. Slacker Uprising ist eher was für hartgesottene Moore-Fans denn für Kinogänger, die auf zwei Stunden intelligente Unterhaltung aus sind.

Slacker Uprising, USA 2008
4/10 Punkte
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