300

“Submission – now that’s a bit of a problem” – Leonidas

Schon mit Sin City wurde ein Frank Miller Comic in einem sensationell neuen visuellen Stil verfilmt, ähnliches ist mit 300 gelungen: Die Bildsprache ist eine artifizielle Mischung aus Max Payne, Troja, Sin City. In ihrer Kombination neu und beeindruckend, aber in ihren Stilelementen dann doch wieder auf ganz alte Vorbilder zurückgreifend, nennen wir es eine “leicht” faschistoide Riefenstahl Optik.

Die Story ist schnell erzählt: Die Persische Armee unter dem Gottkönig Xerxes droht, ganz Griechenland zu besetzen. Ganz Griechenland? Nein! Der unbeugsame Stamm der Gallier Spartiaten widersetzt sich der persischen Übermacht – Spartas König Leonidas (Gerard Butler) versucht mit seinen 300 besten Kriegern die übermächtigen Perser bei den Thermopylen (oder auch “hot gates” für unsere des alt-griechischen nicht mächtigen amerikanischen Kinofreunde) aufzuhalten. Wer es genauer wissen will, kanns bei Herodot nachlesen, aber ehrlich gesagt ist die Story nicht wirklich wichtig – bei 300 geht es vor allem um opulente Optik: Eine extrem stylisierte Darstellung – Slow-Motion, Regen-, Schnee- und Blutgestöber, wehende Fahnen, blitzende Schwerter, Licht und Schatten, perfekte Körper, schöne Frauen, edle Kämpfer, brutalste Kampfszenen und Massenschlachten. Wenn Leni Riefenstahl heute Hollywood-Filme produzieren würde, würde das vermutlich so aussehen.

Untermalt mit theatralischem Sound und bedeutungsschwangerer Off-Stimme wird die Geschichte dominiert von den ganz großen Motiven wie Heldentum, Ehre, Hybris, Verrat und Opfer – das alles ist dermaßen überhöht, dass es eigentlich ins Groteske abrutschen müsste. Aber Regisseur Zack Snyder schafft es, dass trotz triefendem Pathos das ganze extrem sehenswert und unterhaltsam bleibt, ohne allzu peinlich zu werden.

Viel ist über vermeintlichen Rassismus oder Parallelen zum Iran-Konflikt oder wahlweise Irak-Krieg geschrieben worden (sehr schön auch: 300 sei “anti-islamisch, obwohl es den Islam damals noch gar nicht gegeben hat”). Das meiste davon halte ich für völlig überinterpretiert. Der Film ist kriegsverherrlichend, keine Frage, ehrlich gesagt sogar so ziemlich das kriegsverherrlichenste, was ich seit sehr langem gesehen habe. Aber weder eignen sich die Spartiaten als Identifikationsfiguren für die USA (so militaristisch haben selbst die Neo-Cons die USA noch nicht umgekrempelt), noch kann man Persien als historischen Gegner Spartas einfach gegen einen Fantasiegegner a la “Elbonia” austauschen, nur um ja niemandem im Nahen Osten auf die Füße zu treten. Und ja, natürlich kommen die Perser schlecht weg, schließlich wird die Geschichte aus Sicht Spartas erzählt (bzw. aus der Sicht von Herodot, der als Grieche nicht gerade die ausgewogenste aller Geschichtsschreibungen abgeliefert hat, bzw. aus der Sicht von Frank Miller, der als Comickünstler auch nicht gerade zur feinsinnigen Differenzierung neigt). Der Vorwurf der Iran-Feindlichkeit ist geradezu grotesk. Eine Verfilmung von – sagen wir – Caesars Feldzug quer durch Europa würde auch nicht gerade ein menschenfreundliches Licht auf die römische Geschichte werfen, ohne dass jemand daraufhin gleich “Italienfeindlichkeit” schreien würde. Abgesehen davon wage ich zu bezweifeln, dass sehr viele Amerikaner wissen, was Persien und der Iran gemeinsam haben, schon von daher taugt 300 nicht gerade als Propagandawerk zum Feldzug gegen die Mullahs.

Selbstverständlich kann man Aussagen wie “Freedom is’nt free at all. It comes with the highest of cost, the cost of blood” als Ansage für den Krieg gegen den Terror verstehen. Andererseits – in ein vor Symbolik strotzendes Machwerk wie 300 kann man vermutlich so ziemlich alles reininterpretieren, Rassismus, Faschismus, Freiheitskampf, Heldentum, whatever, alles eine Frage der Perspektive und weniger der tatsächlichen Botschaft des Films. Letztendlich ist 300 wohl weder das eine noch das andere, sondern vor allem eine opulente Schlachtplatte, nicht mehr und nicht weniger.

Was mir sonst noch so auffiel:

  • Ferengi in Alt-Griechenland: Die korrupten Ephoren wirken in Optik und Mimik wie aus Star Trek nach Sparta gebeamte Ferengis. Und die Spartaner haben auch das eine oder andere von den Klingonen abgeschaut (oder Gene Roddenberry von Herodot, whatever).
  • Speaking of Star Trek: Xerxes (Rodrigo Santoro) könnte ein Bruder von Nemesis-Bösewicht Shinzon sein. Mit ein paar Piercings mehr wäre er aber auch als Hellraiser durchgegangen.
  • “Rated R for graphic battle sequences throughout, some sexuality and nudity.” Äh, ja, graphic battle scenes, kann man wohl sagen: abgeschlagene Köpfe und Gliedmaßen, Schwerter im Auge, Berge aus Leichen, das is wohl richtig. Aber mindestens genauso schlimm sind natürlich die entblößten weiblichen Brüste, die in einigen Szenen prominent in Szene gesetzt werden, schon klar (by the way: hübsche Frauen hats in Sparta, z.B. Lena Headey).
  • So amüsant es auch ist, das Leonidas erklärt, er könne gerade nicht vor Xerxes niederknien, weil sein Knie von den vormittäglichen Kämpfen etwas steif geworden ist, oder das er zu den Friedensverhandlungen geht mit den Worten “We can be civil, can’t we?”, während seine Männer um ihn rum die verletzten Perser abstechen – diese humorigen one-liner, ohne die kein Action-Reißer mehr auskommt, wirken hier etwas deplatziert. Naja, zumindest hat er Xerxes nicht mit “Yippie-Ya-Yeah, Schweinebacke” oder “Hasta la vista, Baby” begrüßt.
  • Der Soundtrack war mal eine innovative Mischung aus klassischem theatralischem Orchestergetöse und harten Gitarrenriffs, hat man in dieser Form noch nicht so oft gehört.
  • Nachdem ich den ganzen Film über einen endlosen Schlußkampf à la Troja oder Matrix Reloaded befürchtet hatte, der CGI-mäßig ins unerträgliche gezogen wird, war der Showdown dann doch überraschend prägnant und kurz. Von dieser Schlacht könnten sich (oha, Metaphern-Alarm) einige Hollywood-Schinken eine Scheibe abschneiden.
300, USA 2007 – deutscher DVD Start: 10. August 2007
6/10 Punkte
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