Verblendung

“Ich kenn dich überhaupt nicht” – “Ist besser so”

Stieg Larsson scheint so etwas wie der schwedische Dan Brown zu sein, nur dass Larsson bereits tot ist ist und den Welterfolg seiner Bücher nicht mehr miterlebt hat. Der Protagonist seiner “Millennium”-Romane ist Robert Langdon Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist), ein investigativer Journalist, der auch schwierige, von der Polizei aufgegebene Mordfälle lösen kann. Aufgrund seines Rufs verpflichtet ihn der Großindustrielle Henrik Vanger, das Schicksal seiner vor vierzig Jahren verschwundenen Nichte Harriet aufzuklären. Blomkvist zur Seite steht die verschlossene Hackerin Lisbeth Salander (Noomi Rapace), die für ihn die kniffligen Rätsel mit Hilfe von Laptop und Internet löst. Das Erzähltempo ist anfangs sehr ruhig und geradezu behäbig. Wären da nicht die gewaltätig-sexuellen Erlebnisse von Lisbeth, die sehr explizit in Szene gesetzt werden, könnte man sich auch in einem Sonntags-Tatort wähnen. Mit der Zeit weitet sich die einfache Kriminalgeschichte um einen vierzig Jahre alten Todesfall dann aber zu einer komplexeren Story um Familienränke, Nazi-Verstrickungen, Serienmörder und biblische Rituale, statt Tatort erinnert das Ganze dann eher an Se7en oder Schweigen der Lämmer.

Bei Literaturverfilmungen ist es manchmal durchaus von Vorteil, die Vorlage nicht zu kennen, um sich nicht über Details aufzuregen, die im Buch ganz anders waren. So steht dem Helden im Film etwa sofort ein DSL-Anschluß zur Verfügung, auf den er im Buch erst seitenweise warten musste. Was storymäßig jetzt nicht so den Unterschied macht, aber zu erbosten Reaktionen bei Larsson-Lesern führen kann. Ein wenig erboster kann man aber auch als Nicht-Leser über die eher schlichte Charakterzeichnung sein: Die freakige Lisbeth hatte eine harte Kindheit, traut seitdem niemandem mehr, raucht Kette und läuft in Gothic-Vollausstattung rum. Und könnte damit auch dem Handbuch für Hausfrauenpsychologie entnommen sein. Blomkvist hingegen ist der schweigsame Held, der einsam und unerbittlich seine Spur aufnimmt, auch diese Figur schillert nicht gerade in den differenziertesten Farben. Blomkvists erste Handlung ist die eines jeden guten Kino-Ermittlers: Er beginnt erstmal an der Wand eine große Collage aus Zeitungsausschnitten, Fotos von Opfern und Verdächtigen und Verbindungspfeilen zwischen den Handelnden, um auch für den Zuschauer die Zusammenhänge nochmal etwas verständlicher zu machen.

Sehr bemerkenswert hingegen, dass die Hacker-Künste von Lisbeth nicht wie so oft in Filmen eher im fantastischen Bereich angesiedelt sind, sondern – abgesehen von wohl fürs Kino notwendiger visueller Aufpeppung – erstaunlich realistisch dargestellt werden. Wobei man sich fragen kann, ob echte Hacker tatsächlich schicke Macbooks benutzen, um dann auf Kommandozeilenebene in fremde Systeme einzubrechen.

Ein absolutes Plus der Verfilmung sind die wunderschönen Bilder der schwedischen Landschaft, die perfekt ausgeleuchteten Szenen vor malerischen Seen oder in kuscheligen Holzhütten, alles wirkt streckenweise wie eine Werbung des schwedischen Tourismusverbandes. Verbunden mit den eher scherenschnittartigen Charakteren und der gerade zum Ende hin etwas dick aufgetragenen Dramaturgie, die alle losen Enden noch einmal zusammenführen will und tränenrührig Konflikte auflöst, erinnert das allerdings auch ein wenig an Rosamunde Pilcher Verfilmungen, nur dass hier kein Adelsclan im malerischen Cornwall, sondern eine Industriellendynastie im schönen Schweden Mittelpunkt steht.

Trotz der erwähnten Defizite und trotz zweieinhalb Stunden Überlänge langweilt die Geschichte erstaunlicherweise nicht. Was hoffen lässt für die nächsten Teile der Millennium-Trilogie, “Verdammnis” und “Vergebung”: Vielleicht gelingt es ja, den Protagonisten in der Fortsetzung etwas mehr Tiefe mitzugeben.

Verblendung, Schweden, Dänemark, Deutschland 2009 – deutscher Kinostart: 01.10.2009
6/10 Punkte
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