Up in the Air

“You get lifetime executive status”

Ryan Bingham (George Clooney) hat einen ungewöhnlichen Job: Er arbeitet in einer Outplacement-Beratung und verdient sein Geld damit, Leuten zu kündigen. Der Wirtschaftskrise ist es zu verdanken, dass seine Branche boomt, und so reist durch das krisengeschüttelte Amerika zu desolaten Firmen in heruntergekommenen Industriegebieten, die in beklemmender Büroatmosphäre am Fließband ihren Mitarbeitern kündigen. Beziehungsweise kündigen lassen, weil die Chefs nicht die Courage aufbringen, diesen schmutzigen Job selber zu machen und die Aufgabe lieber an die Binghams Firma outsourcen.

Über weite Strecken nimmt die Kamera Binghams Position ein, der Zuschauer ist live dabei, wenn den Menschen unvermittelt eröffnet wird, dass sie ihren Job verlieren. Überraschung, Entsetzen und Wut der Betroffenen wirken beklemmend echt, was wohl auch daran liegt, dass für die authentischen Kündigungsszenen angeblich Leute gecastet wurden, denen tatsächlich kurz vorher gekündigt worden ist.

Die deprimierende Welt der Jobverluste und Firmenpleiten ist aber nur ein Motiv des Films. Auf der anderen Seite tauchen wir in die glitzernde Business-Welt des Vielfliegers Ryan Bingham ein. Er verbringt die meiste Zeit des Jahres unterwegs zwischen Omaha, Des Moines oder Detroit. Während normale Menschen sich auf Flughäfen, bei Sicherheitskontrollen oder in anonymen Hotelzimmern unwohl fühlen, sind diese Orte Ryans Zuhause geworden. Sein größtes Ziel ist es, zehn Millionen Bonusmeilen zu erreichen und damit den Topstatus seines Vielfliegerprogramms. Mit seinen artverwandten Frequent Travellern tauscht er sich leidenschaftlich über die Vor- und Nachteile von Loyalty-Programmen, Mietwagenfirmen und Umsteigeverbindungen aus. In Alex (Vera Farmiga) findet Ryan eine Seelenverwandte, die wie er keine festen Bindungen will, sondern lieber zwischen zwei Flügen in der Flughafenlounge unkomplizierten Sex sucht. In seiner Freizeit verdingt er sich als Motivationstrainer, dessen Botschaft es ist, möglichst allen Ballast über Bord zu werfen, seien es Gegenstände oder Beziehungen, um leicht und unbelastet durchs Leben reisen zu können (”moving is living”).

Der Vielfliegerwelt des Spesenritters Ryan droht allerdings ein jähes Ende, als seine Firma beschließt, die Outplacement-Gespräche zukünftig per Videokonferenz durchzuführen, statt durch teure Vor-Ort-Präsenz. Die junge Nachwuchskollegin Natalie hat hierfür ein Konzept erarbeitet, zunächst soll sie aber an der Seite von Ryan Praxiserfahrung im Outplacement Geschäft sammeln.

Clooney spielt den zynischen aber charmanten Meilensammler ganz hervorragend. Er schafft die Gratwanderung, dieser eigentlich kalten und herzlosen Figur mit anrüchtigem Job und Bindungsunfähigkeit Wärme und Sympathie einzuhauchen. Etwas schwach ist die Rolle seiner jungen Kollegin Natalie (Anna Kendrick), was nicht primär an der Besetzung liegt, sondern vor allem am Drehbuch: zu naiv und unsouverän wirkt die Nachwuchskraft, ein größeres Gegengewicht zum alles überragenden Clooney hätte der Story gutgetan. Viel besser harmoniert Vera Farminga als ebenbürtige Vielfliegerin Alex – Die Flirt-Szenen zwischen Clooney und Farminga wirken sehr erwachsen und unprätentios. Jedes Klischee, das in der Beziehung der beiden anklingt, wird auch gleich als solches enttarnt. Die Atmosphäre des Corporate America zwischen Kettenhotels, Flughafenlobbies und Firmenparties wird sehr authentisch in Szene gesetzt.

Zur Mitte droht die Geschichte abzugleiten in ein sehr vorhersehbares Klischee-Happy-End, wenn Ryan zur Hochzeit seiner Schwester die Welt der Hilton-Hotels und Lounges verlässt, um ins tiefste Wisconsin zu reisen (und dort festzustellen, dass er im lokalen Swiss Chalet Hotel leider nicht den Matterhorn-Status für bevorzugten Check-In besitzt). Ryan wandelt auf den Spuren seiner Provinzherkunft, spricht mit echten Menschen, die reale Probleme haben, und beginnt, seine zynische Vielflieger-Existenz zu hinterfragen. Glücklicherweise spult Reitman die drohende Kitsch-Auflösung dann doch nicht so vorhersehbar ab und entscheidet sich für eine intelligentere Fortführung der Geschichte.

Jason Reitman hat sich mit intelligenten Komödien etabliert, die auch sperrige Themen aufgreifen, und nicht ganz so harmlos daherkommen wie Vaters “Ghostbusters” (Vater Ivan hat allerdings auch bei Up in the Air mitproduziert). Auch Sohn Jason macht sehr mainstream-kompatible Filme, nimmt als Aufhänger aber gerne mal gesellschaftliche Aufreger, seien es Teenie-Schwangerschaften wie in Juno, oder Kündigungswellen wie im aktuellen Up in the Air. Dass Reitman Jr. diese Themen tatsächlich nur als Aufhänger für eine fluffige Geschichte nimmt, und nicht ernsthaft etwas über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft zu erzählen hat, keine wirkliche sozialkritische Botschaft oder ambitionierte Statements zur Lage der Nation verbreiten will, kann man kritisieren. Man die Leichtigkeit aber auch bewundern, mit der Reitman aus solchen Stoffen statt tonnenschwerer Dramen gut gemachte und intelligente Unterhaltung produziert.

Einen Bonuspunkt gibt es für das überraschend klischeefreie Ende, das nicht den zwischenzeitlich stark zu befürchtenden Happy-End-08/15 Verlauf nimmt. Und einen weiteren Bonuspunkt dafür, dass man sich die platte Pointe erspart hat, dass dem Profi-Kündiger irgendwann selbst gekündigt wird. Reicht für insgesamt neun Punkte. Für eine Oscar Nominierung hat es auch gereicht, aber leider nicht für den Oscar selbst, dafür ist der Film schlicht zu leise und unspektakulär im Vergleich zum explosiven Kriegsgeschehen von The Hurt Locker.

Up in the Air, USA 2009 – deutscher Kinostart: 04.02.2010
9/10 Punkte
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s