Keinohrhasen

“Make it real – make it happen!”

Keinohrhasen hat eigentlich alle Zutaten für eine klassisch unlustige deutsche Komödie im schlechtesten Sinn: Eine unoriginell konstruierte Ausgangssituation “Yuppie und Frauenheld muss im Kindergarten Sozialstunden leisten”, ein Haufen “aufgeweckter” Kinder, das abgenudelte Comedy-Thema über Männer und Frauen, das spätestens Mario Barth totgeritten hat, ein von der ersten Minute vorhersagbares Ende, Figuren aus dem Standardbaukasten (verhärmte Öko-Kindergärtnerin, cholerischer Chefredakteur, etc. etc.), und schließlich auch noch Till Schweiger.

Schweiger kann ja eigentlich nur eine Rolle spielen, nämlich Till Schweiger. Diese Rolle besetzt er seit der Lindenstraße und beherrscht sie mittlerweile ziemlich gut. Beim Bewegten Mann war das sogar mal ganz lustig. Allerdings hielt sich sein komödiantischer Erfolg dabei in letzter Zeit ziemlich in Grenzen .

Vermutlich ist das Geheimnis von Keinohrhasen, dass er gleich in der ersten Szene den besten Gag vorwegnimmt, und damit erstmal so viel Kredit aufbaut, dass man ihm die eine oder andere Platitüde im weiteren Verlauf verzeiht. Jürgen Vogel als sonnengebräunter blondierter Hollywoodstar mit perfekt-weißem Gebiss ist schon sehr lustig (auch wenn ich den Joke mit Vogel und perfekten Zähnen schon mal woanders gesehen habe). Das zu Beginn vorgelegte Tempo hält der Film über weite Strecken, und für jeden platteren Spruch kommt auch mindestens ein guter Gag. Wobei es hier natürlich nicht nur lustig zugeht, für eine romantic comedy üblich hat die zugrundeliegende Liebesgeschichte durchaus traurige und ernsthafte Momente, die hier zwar recht vorhersehbar, aber durchaus glaubwürdig rübergebracht werden.

Die schauspielerische Leistung ist durchwachsen. Schweiger gibt den Schweiger ziemlich gut, auch sein Partner Matthias Schweighöfer ist sehr passend besetzt. Nora Tschirner spielt die in Sackleinen gehüllte männerfeindliche Kindergärtnerin dagegen arg facettenarm und holzschnittartig – über zwei Drittel des Films sieht man sie mit derselben stoischen Mine durch die Szenen stolpern. Ganz süß sind die zahlreichen Kinder besetzt, die hauptsächlich aus Schweigers eigener Produktion stammen. Am Rande dann noch die für eine deutsche Großproduktion unvermeidlichen Cameos (Barbara Schöneberger, Yvonne Catterfeld, Wladimir Klitschko & Co.).

Wenn man die Diskussion um die Jugendfreigabe von Keinohrhasen in den Medien verfolgt hat konnte man den Eindruck gewinnen, dass es hier in jeder zweiten Szene um Oralsex und seine technischen Feinheiten geht. Tatsächlich war für die Diskussion aber im wesentlichen nur eine kurze Szene der Auslöser. Auch wenn Keinohrhasen in der Tat nicht gerade auf Kinder zugeschnitten ist, ist er doch über weite Strecken eher harmlos. Die Diskussion erinnert ein wenig an Harry & Sally, den viele Leute ja auch als “Film mit dem lustigen Orgasmus von Meg Ryan” abgeheftet haben, auch wenn das nur eine kleine Szene am Rande der Geschichte war.

Beim Soundtrack geht Keinohrhasen kein Risiko ein: Mit Keane, Bloc Pary, The Killers & Co. tut man niemandem weh, und tatsächlich passt das auch oft sehr gut zur Stimmung des Films. Etwas penetrant wird aber mindestens jede zweite Szene in gar nicht mal so dezente Hintergrundmusik getaucht, ein Trend, den Schweiger sich wohl in Hollywood abgeschaut hat, wo in den letzten Jahren immer mehr auf die Soundtrack-Verkäufe geschielt wird. Auf der Positivseite: Schweiger hat sich auch das Produktionsniveau von Hollywood abgeschaut: In bezug auf Kameraführung, Licht, Ausstattung und Co. ist Keinohrhasen sehr professionell gemacht – keine Selbstverständlichkeit für deutsche Produktionen, die ansonsten auch gerne mal die Ästhetik von Vorabendserien haben.

Merkwürdigkeit am Rande: Warum ist der Abspann dieses deutschen Films mit deutschen Schauspielern für deutschsprachiges Publikum eigentlich auf englisch (”a Till Schweiger production”)? Ganz albern wirds, wenn Schweiger zum Schluß nochmal seine Freunde grüßt (”Uwe Boll, you are the coolest motherfucker on earth”…). Anyway, trotzdem sehr gute Unterhaltung.

Keinohrhasen, Deutschland 2007 – deutscher Kinostart: 20.12.2007
8/10 Punkte
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