Zweiohrküken

“Boahh, bist du ein schlechter Schauspieler!” Anna über Ludo, vermutlich Till Schweiger meinend.

Nach dem Überraschungserfolg von Keinohrhasen, der in Deutschland über sechs Millionen Zuschauer fand, war klar, dass Till Schweiger diese Kuh noch ein wenig weiter melken würde, vor allem weil seine darauffolgenden Machwerke deutlich weniger Anklang fanden. Wie es sich für eine Fortsetzung gehört, hat Schweiger an den Zutaten für Zweiohrküken kaum etwas geändert: gleicher Cast, dieselbe Story um Beziehungsproblemchen und Männer- und Frauenklischees, ein paar niedliche Filmkinder aus eigener Produktion, diverse Cameos (Kerner, Klitschko, Paul Van Dyk), das ganze angereichert mit viel anzüglichem Humor.

Doch was beim ersten Mal erstaunlich gut funktioniert hat, wirkt in Teil Zwei nur noch wie ein seelenloser Abklatsch, der zudem handwerklich erstaunliche Mängel hat: Story, Dramaturgie und Timing sind grottig – die erste Hälfte besteht aus weitgehend lose aneinandergeklebten Szenen ohne Spannungsbogen oder stimmige Struktur. In der zweiten Hälfte gewinnt die Szenensammlung etwas mehr Zusammenhalt, leider vor allem durch den verstärkten Einsatz klebrig-süßer Kitsch-Romantik. Was bei Keinohrhasen noch ganz charmant wirkte erstarrt hier zu einer Ansammlung weichgespülter Romantik-Klischees, gipfelnd in einem dahingeschluderten Ende, in dem Til Schweiger seiner Liebsten noch einmal – völlig ironiefrei – einen Liebesbrief vor melancholisch-einsamer Strandkulisse schreiben darf, dessen Text geradewegs aus einem Groschenroman zu stammen scheint (oder, meine Vermutung, auf Basis intensiver Marktforschung entstanden ist bei der 100 Frauen nach ihren Lieblingssätzen für einen Liebesbrief befragt wurden). Recht ungeniert spielt Schweiger auch diesmal wieder die Niedlichkeitskarte, wenn er seine eigenen (zugegebenermaßen sehr süßen) Töchter vor der Kamera agieren läßt. Aber auch das kommt im Vergleich zu Teil eins dieses Mal sehr kalkuliert und ein wenig zu penetrant rüber.

Der “Witz” dieser Komödie wird über weite Strecken geprägt von sprichwörtlichem Fäkalhumor, altbackener Charleys-Tante-Travestie und abgestandenen Männer/Frauen Klischees, die Mario Barth schon hundertmal durchgekaut hat. Überraschenderweise gelingt zwischen dieser Ansammlung von schwitzigem Pennäler-Humor und niveaulosen Anzüglichkeiten dann doch immer mal wieder eine zündende Szene oder ein spritzig-authentischer Dialog, so dass das Ganze trotz Überlänge zumindest halbwegs erträglich bleibt und – ja – tatsächlich auch das eine oder andere mal mal zum herzhaften Lachen animiert.

Ausleuchtung, Kamera, Ausstattung sind wie schon in Teil eins auf für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich hohem Niveau. Noch auffälliger als im ersten Teil drängt sich allerdings der (von der Songauswahl eigentlich wieder sehr gefällige) Soundtrack in den Vordergrund. Jede zweite Szene wird mit Musik überflutet, und das in einer Lautstärke, dass es teilweise schwierig wird, dem Dialog noch zu folgen. Da fehlte eigentlich nur noch die Einblendung “Diesen Song jetzt bei iTunes kaufen” auf der Leinwand.

Schauspielerisch ist die Leistung durchwachsen. Die eigentlich großartige Nora Tschirner darf wie schon in Teil eins kaum aus ihrem graumäusigen Rollenkorsett mit Hornbrille und Öko-Klamotten ausbrechen. Till Schweiger spielt mal wieder Till Schweiger, das kann er zumindest ganz gut. Geradezu ärgerlich schlecht ist Ken Duken als Ludos Nebenbuhler Ralf, dessen schauspielerisches Potential eher bei Rosamunde Pilcher Verfilmungen zu liegen scheint. Einziger Lichtblick ist Matthias Schweighöfer, der den sympathisch-erfolglosen Kumpel Moritz gibt und dabei eine schöne Balance aus comedy-overacting und Authentizität rüberbringt. Überraschend sympathisch auch Heiner Lauterbach, der mit erstaunlichem Mut zur Häßlichkeit und Selbstironie einen Gastauftritt hat.

Auch beim zweiten Teil läßt einen der Abspann wieder ein wenig ratlos zurück, wenn der in Deutschland für deutsches Publikum gedrehte Film wieder mit komplett englischsprachigen Credits endet (”a Till Schweiger Film”). Ist das irgendein ironischer Seitenhieb von Schweiger, den ich nicht verstehe, oder einfach nur dümmliche “ich bin ein internationaler Star” Attitüde? Ich tippe auf letzeres.

Zweiohrküken, Deutschland 2009 – deutscher Kinostart: 03.12.2009
4/10 Punkte
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