No Country for Old Men

“Execution here – Wild West over there”

Ich bin eigentlich kein Fan der Coen-Brüder: The Big Lebowski konnte ich so rein gar nichts abgewinnen, und auch Fargo fand ich allenfalls durchschnittlich. Spätere Werke wie Ladykillers sind dann auch bei Publikum und Kritik durchgefallen. Mit dem Streifen “No Country for old Men” haben die beiden aber nicht nur überall begeisterte Kritiken hervorgerufen, sondern auch bei der Oscar-Verleihung kräftig abgeräumt. Zu Recht.

Die Geschichte: Auf der Jagd in der Prärie stößt Llewelyn Moss (Josh Brolin) auf den Schauplatz einer gescheiterten Drogenübergabe. Alle Beteiligten sind tot oder nahe davor, und so greift sich Llewelyn den Geldkoffer mit zwei Millionen Dollar. Ab diesem Zeitpunkt sind nicht nur die mexikanische Drogenmafia, Kopfgeldjäger und die Polizei, sondern auch ein psychopatischer Killer namens Anton Chigurh hinter ihm her. Chigurh (Javier Bardem) mordet bevorzugt nicht mit dem Revolver, sondern mit einem per Gasflasche betriebenen Bolzenschußgerät.

Schon in den ersten zehn Minuten werden wir Zeugen zweier brutaler Morde und sehen einen Haufen weiterer Leichen. Und in dem Stil geht es dann munter weiter. Die Brutalität entsteht vor allem durch die Nebensächlichkeit, mit der hier gemordet wird. Chigurh verzieht keine Mine, wenn er jemanden ins Jenseits befördert, und macht anschließend weiter als sei nichts passiert. Das ist zwar seit Pulp Fiction nichts neues, aber wird hier nochmal zur Perfektion getrieben.

Die spannungsgeladensten Szenen sind dabei aber oft genau die, in denen eigentlich nichts passiert. Wenn Chigurh eine Tankstelle betritt, mit dem Besitzer einen ruhigen aber bedrohlichen Wortwechsel führt und dann eine Münze wirft, ist jedem außer dem Tankstellenbesitzer klar, dass es hier um sein Leben geht. Er rät die richtige Münzseite und so verläßt Chigurh die Tankstelle wieder ohne ein Blutbad anzurichten. Nichts ist passiert, aber die Szene hätte auch mit jedem Moment anders ausgehen können.

Die Geschichte wird bestimmt von einem sehr epischen Erzähltempo, hier werden nicht viele Worte gemacht, sondern die Protagonisten ziehen schweigend durch die Prärie. Man nimmt sich viel Zeit für einzelne Szenen, Einstellungen und Landschaftsaufnahmen – trotzdem schaffen es die Coens von Beginn an, Spannung aufzubauen und zu halten. Unterstützt wird das ganze von hervorragenden Schauspielern: Tommy Lee Jones als alternder lebenserfahrener Sheriff. Josh Brolin als bauernschlauer Cowboy der den Fund seines Lebens macht. Kelly Macdonald als seine naiv-schüchtern Frau. Und natürlich Javier Bardem als Psychokiller mit Mireille Mathieu Frisur, der zu Recht für diese Rolle einen Oscar bekommen hat. Wobei sich sein Part über weite Strecken auf denselben stoischen Gesichtsausdruck beschränkt. Dennoch beherrscht er jede Szene in der er auftritt alleine durch seine Präsenz. Auch die übrigen Protagonisten bestechen nicht gerade durch überschwänglichen Wortanteil oder große Mimik. Aber diese stoischen Typen passen genau in die düstere lakonische Stimmung dieses Spätwesterns.

Wer große Erklärungen erwartet oder fein zuende gesponnene Handlungsstränge, wird enttäuscht sein. Das ist auch einer der wenigen Kritikpunkte – gegen Ende hin zerfasert die Story zusehends und löst sich fast auf, Protagonisten sterben unvermittelt, der anfangs sehr gradlinige Erzählfluss verliert sich im Nichts . Genau das ist zwar Kalkül, macht es aber nicht wirklich besser. Aber die Story ist hier auch nicht der Mittelpunkt – No Country for Old Men lebt von der Stimmung, den Figuren, der Atmosphäre, grandios in Szene gesetzt. Großes Kino.

No Country for Old Men, USA 2007 – deutscher Kinostart: 28.02.2008
9/10 Punkte
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