Cloverfield

“Put the camera down, come on”

Mir sind diese mit viralem Marketing angeheizten Internet Hypes ja immer sehr suspekt. Und bei Cloverfield war diesbezüglich höchste Alarmbereitschaft gegeben. Andererseits, die Szene des durch die Straßen kullernden Kopfes der Freiheitsstatue aus dem Trailer sah schon beeindruckend aus…. und zack, doch reingefallen auf den Hype.

Die Story von Cloverfield ist schnell erzählt: Aus nicht näher definierten Gründen terrorisiert ein riesiges Monster New York City, und wir folgen einer Gruppe junger Menschen, die sich zwischen den Hochhaustrümmern in Sicherheit bringen wollen. Glücklicherweise hat einer der Protagonisten eine Videokamera dabei, aus deren Perspektive der komplette Film gedreht ist. Klingt ein bisschen dünn? In der Tat. Hatten wir das mit der Videokamera nicht schon mal? Allerdings. Und ist so eine wackelige Videooptik einen ganzen Film über nicht etwas anstrengend? You bet.

Ich frage mich, ob es mittlerweile wirklich noch Amateurfilmer gibt, die die Kamera nicht mal eine Minute ruhig halten können, ständig hin und herzoomen und chronisch den falschen Ausschnitt im Bild haben. Vemutlich sieht heute jedes echte Amateurvideo professioneller aus als die Fake-Selbstdreh-Optik von Cloverfield. Das strikte Dogma “kompletter Film als Aufzeichnung einer Videokamera” ist außerdem ein sehr enges Korsett, um eine differenzierte Geschichte zu vermitteln. Die reine Erzählperspektive durch ein “selbstgedrehtes” Homevideo, ohne Off-Sprecher, ohne Zwischenszenen oder ähnliches erlaubt kein gradliniges Storytelling. Es kann halt nur gezeigt werden, was der Protagonist auch halbwegs glaubwürdig mit seiner Videokamera aufgenommen haben könnte. Und dieses Stilmittel macht es schwierig, eine relevante Story zu erzählen. Dasselbe Problem haben letztlich alle found footage Filme wie Blair Witch Project oder auch Keine Lieder über Liebe. Produzent J.J. Abrams hat ein paar Tricks drauf, doch noch ein paar andere Perspektiven zu zeigen (indem der Protagonist z.B. eine Fernsehübertragung filmt), aber letztlich ist der visuelle und erzählerische Spielraum durch das Setup arg eingegrenzt. Das führt dazu, dass nach knapp zwanzig Minuten sehr unspektakulärer Einleitung (1/4 des Films) zwar endlich die langerwartete Katastrophe eintritt, wir aber im wesentlichen nur noch umherrennende schreiende Menschen sehen, die mal im U-Bahn-Schacht, mal zwischen Hochhausschluchten vor dem Monster wegrennen.

Darüber hinaus muß die Prämisse des Films bis weit über die Glaubwürdigkeitsgrenze gedehnt werden, um die Geschichte überhaupt einigermaßen flüssig erzählen zu können. Denn mal im Ernst: Es ist eher unorthodox dass ein Typ ununterbrochen mit der Videokamera draufhält, egal ob seine Freunde sich gerade unterhalten, streiten oder Geheimnisse austauschen, und erst recht wenn er gerade in Todesangst vor einem Monster davonläuft. Was ich mir allerdings schon vorstellen kann ist, dass direkt nach einer Katastrophe die umstehenden Leute nicht vor Panik wegrennen oder die Polizei rufen, sondern erstmal mit ihrer Handy-Kamera ein paar Aufnahmen machen – so sieht man auch in Cloverfield immer mal wieder ein paar Schaulustige mit ihren Handys rumfilmen, was die Szenerie sehr glaubwürdig macht.

Der Homevideo-Stil hat streckenweise auch durchaus seinen Charme und ermöglicht ganz nette visuelle Effekte. Der Kopf der Freiheitsstatue, der durch die Straßenschlucht geschleudert wird und kurz vor der Kamera liegenbleibt, wirkt umso beeindruckender, weil das nicht wie sonst von Hollywood-Optik gewohnt in gestochen scharfer CGI zu sehen ist, sondern verwackelt und ruckelig im Videoformat. Gerade die fehlende Perfektion der Bilder sorgt für einen großartigen visuellen Eindruck.

A propos visueller Eindruck: Natürlich kann bei einem Katastrophenfilm über New York der Vergleich mit 9/11 nicht fehlen: Man merkt Cloverfield an, dass viele Szenen von der durch den 11. September ins öffentliche Bewußtsein gebrannten Ikonographie geprägt sind. Eine durch die Häuserschluchten treibende Rauchwolke nach dem Einsturz eines Hochhauses, oder umherirrenden Passanten und vom Himmel regnenden Papierfetzen könnten auch 1:1 aus einer 9/11 Doku stammen.

Vermutlich wäre das ganze deutlich überzeugender gewesen, wenn man sich nicht ganz so streng an die Regel “Videocam only” gehalten hätte und eine etwas fesselndere Rahmenhandlung um das live footage herum erzählt hätte. Die wackelige Kameraführung nervt zunehmend und man sehnt sich immer mehr nach wenigstens mal einer ruhigen scharfen vernünftig ausgeleuchteten Szene. Zumindest reizt Abrams diesen Effekt nicht bis ins Unendliche aus – die gut 80 Minuten Spielzeit sind für das Gezeigte angemessen, mehr wäre sehr anstrengend geworden.

Cloverfield, USA 2008 – deutscher Kinostart: 31.01.2008
5/10 Punkte
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