The History Boys (Die History Boys – Fürs Leben lernen)

“Wittgenstein hat sich nichts aus den Eingeweiden gerissen, nur damit Ihr daraus eine Phrase macht.”

Nach der überraschend guten College-Komödie “Accepted” das gleiche Thema nochmal aus einer ganz anderen Perspektive. Auch bei History Boys geht es um die Schwierigkeiten der Aufnahme am College, diesmal aber nicht verpackt als launige amerikanische Komödie sondern als ernstes britisches Drama.

History Boys ist die Adaption eines erfolgreichen Bühnenstückes von Alan Bennett, und die Schauspieler sind größtenteils von der Bühnenversion übernommen worden. Die Geschichte spielt an einem englischen Gymnasium in den frühen Achzigern. Die besten Schüler der Abschlußklasse bereiten sich auf die Aufnahmeprüfung für Oxford und Cambridge vor, und der Schuldirektor, besorgt um das gute Image seiner Schule, engagiert den jungen Cambridge-Absolventen Irwin (Stephen Campbell Moore), der für ein erfolgreiches Abschneiden sorgen soll.

Auf Hollywoodfilme mit Hausfrauen-Tiefsinn a la “Club der Toten Dichter” reagiere ich normalerweise ja sehr allergisch. Aber History Boys hat zumindest den Startvorteil, dass Robin Williams nicht mitspielt (und dass er nicht aus Hollywood kommt).

Bei History Boys ist es nicht der neue Lehrer, der seine Schüler auf einfühlsame Weise abseits der konventionellen Lehrmethoden Bildung vermitteln will, sondern der kurz vor der Pensionierung stehende Lehrer Hector (Richard Griffiths, der in Gestus und Mimik verblüffend an einen übergewichtigen Hellmuth Karasek erinnert). Hector bringt den Jungs eine ganzheitliche aber auch chaotische Mischung aus Literatur, Kunst, Poesie und Geschichte nahe. Ein reicher Zitatenschatz, den er seinen Schülern beibringt, ist der Grundstock seiner humanistischen Rundumbildung.

Nachwuchslehrer Irwin hingegen will die Schüler ganz gezielt auf die Prüfung vorbereiten – Hectors Zitatenschatz ist für Irwin vor allem eine Sammlung von “Häppchen”, mit denen man bei der Prüfung gezielt die Antworten ausschmücken kann, um besser abzuschneiden. Ihm geht es vor allem darum, effizient die Zeit zu nutzen, damit die Schüler die Aufnahmeprüfung bestehen können. Er legt dabei wenig wert auf Fakten und Wahrheit, denn mit allseits bekannten Fakten allein kann man die Prüfungskomission nicht beeindrucken. Vielmehr geht es ihm um Originalität und “spin”, dem man einem Thema mitgeben muss, damit es interessant wird. Da wird dann auch mal Hitler als netter Mann dargestellt, der nur mißverstanden worden sei.

Das alles ist nicht ganz so platt wie es sich auf den ersten Blick anhört, es geht nicht Club-der-toten-Dichter mäßig nur um gute sensible und liebevolle Wissensvermittlung versus böses altmodisches Auswendiglernen der traditionellen Schulausbildung. History Boys zeichnet hier durchaus ein differenzierteres Bild und Irwins Lehransatz kommt nicht nur negativ weg. Dennoch liegen die Symphatien des Autors klar beim chaotischen Hector, der jenseits aller Effizienz aus den Jungen bessere Menschen machen will und sie zur Wahrhaftigkeit verpflichten will (”gedankenvoll und nicht etwa clever”).

Der Film macht nebenbei ein eher …äh… unorthodoxes Statement zum Thema sexuelle Belästigung: Hector hat es zur Routine gemacht, immer einen der Schüler auf seinem Motorrad mitzunehmen und auf der Fahrt in den Schritt zu fassen. Im Film ist allerdings nicht Hector der “Böse”, schließlich haben sich die Schüler mit seiner Art arrangiert und es ist “nichts weiter passiert” (Hector: “Ich habe eigentlich nichts getan. Es war schon eine Art Handauflegen, das bestreite ich nicht, aber mehr im Sinne einer Segnung als einer Befriedigung”). Hector ist der liebenswerte Alte, der seine Triebe nicht mehr ganz im Griff hat. Der Böse in diesem Spiel ist vielmehr Schuldirektor Felix, der aufgrund von eingegangenen Beschwerden Hector vorzeitig in Rente schicken will. Felix wird als spießiger Schwulenhasser dargestellt, dem es vor allen darauf ankommt, dass es in seiner Schule “sauber” zugeht auf Kosten des armen Hector. Man muss nicht gleich in US-amerikanische sexual harassment Hysterie verfallen, um den nonchalanten Umgang des Film mit diesem Thema zumindest fragwürdig zu finden.

Die Geschichte wird getragen von teilweise recht wirren Dialogen – das mag auch an der deutschen Synchronisation liegen oder meiner unzureichenden humanistischen Bildung, aber man merkt dem Autor an, wie bemüht er die Dialoge mit Zitaten, Namen, und cleveren historischen und literarischen Anspielungen spicken wollte. Das ganze ist unterlegt mit einem netten 80er Jahre Soundtrack (Smiths, New Order, Clash etc.), der allerdings nur bedingt zur Geschichte passt, die auch problemlos in andere Jahrzehnte passen würde.

Zum Schluß wirds dann nochmal arg melodramatisch, und man wartet geradezu darauf, dass die Jungs nochmal alle aufstehen und “Captain, mein Captain” rufen. Eigentlich schade, denn bis dahin hatte der Film vor allem dadurch überzeugt, nicht jedes Klischee zu bedienen und die Figuren facettenreich ohne klebriges Gefühlspathos zu zeichnen.

The History Boys, Großbritannien 2006 – deutscher Kinostart: 17.5.2007
4/10 Punkte
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