The Pursuit of Happiness (Das Streben nach Glück)

“This part of my life… this part right here? This part is called ‘being stupid’ ” – was man auch über diesen Film sagen könnte

Nach dem erstaunlich guten Seven Pounds ein Blick auf die erste Zusammenarbeit zwischen Regisseur Gabriele Muccino und Hauptdarsteller Will Smith, die damals Smith eine Oscar-Nominierung einbrachte: The Pursuit of Happiness aus dem Jahr 2006 ist ein sehr amerikanischer Film über den klassischen amerikanischen Traum, sich vom Tellerwäscher zum Millionär hochzuarbeiten.

Chris Gardner ist ein erfolgloser Vertreter für Medizingeräte, hat Schulden und kann seine Familie kaum ernähren. Seine große Chance sieht er, als er eines Tages einen Mann aus einem Ferrari steigen sieht und ihn fragt, was man dafür tun müsse, so ein Auto zu fahren. Der Ferraribesitzer ist Börsenmakler, und so wird es Chris großes Ziel, auch Börsenmakler zu werden. Mit Ehrgeiz und Penetranz schafft er es tatsächlich, ein sechsmonatiges Praktikum bei einer großen Maklerfirma zu ergattern. Das Problem: Das Praktikum ist unbezahlt, und nur der beste aus zwanzig Praktikanten bekommt anschließend auch einen Job. Chris versucht es trotzdem, aber als ihn auch noch seine Frau verläßt, muss er sich als alleinerziehender Vater mit einem fünfjährigen Sohn durchschlagen und wird auch noch obdachlos. Dennoch schafft er es, alle Widrigkeiten zu überwinden und sich durchzusetzen.

The Pursuit of Happiness basiert auf einer wahren Geschichte, die – wenn sie denn so passiert ist – tatsächlich filmreif ist. Es ist nichts dagegen zu sagen, die beeindruckende Karriere eines Mannes als Filmvorlage zu nehmen, der sich aus bedrückenden Verhältnissen ganz nach oben gearbeitet hat. Was das ganze aber anrüchig macht, ist der Tenor, in dem diese Geschichte auf der Leinwand erzählt wird. Die Suggestion, dass es letztlich jeder selbst in der Hand hat, sich wie Chris Gardner hochzuarbeiten (und im Umkehrschluß alle anderen selbst Schuld sind an ihrem Schicksal), und dass das zugrundeliegende System doch allem eine Chance läßt, ist in Anbetracht der tatsächlichen Lebenssituation vieler Millionen Amerikaner hochgradig zynisch.

Kein Wort der Kritik über eine Gesellschaft, die so eklatante Unterschiede zwischen Arm und Reich zuläßt. Kein kritisches Wort über die Branche der Börsenmakler und Investmentbanker, die im Film letztlich als besser bezahlte (bzw. als Praktikanten gar nicht bezahlte) Drückerkolonne windige Anlageprodukte vertickt, und deren Geschäftsmodell vor ein paar Jahren die gesamte Weltwirtschaft in den Abgrund zu reißen drohte. Während die skrupellose Gier der Branche schon Ende der achziger Jahre in Filmen wie Wall Street thematisiert wurde, klammert The Pursuit of Happiness solche Befindlichkeiten ganz aus. Greed is good in der Sichtweise dieses Films, da sie dazu führt, dass Leute wie Chris Gardner ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen und sich hocharbeiten. Auch die Chefs der Bank werden nicht etwa als böse Ausbeuter dargestellt, die unbezahlte Praktikanten ausnutzen, Millionenumsätze zu generieren, und als einzige Entlohnung einem von zwanzig einen Job anbieten. Ganz im Gegenteil, die Banker zeigen sich im Film als zwar harte, aber wohlmeinende Patriarchen, die auch einem Underdog wie Chris eine Chance bieten.

Es gibt im Film eine entlarvende Szene, in der vier ausgelassene Yuppies im Cabrio durch die Stadt brausen, während die Kamera auf eine lange Schlange vor einem Obdachlosenheim schwenkt. Was in einem anderen Kontext als (nicht gerade subtile) Kritik an den gesellschaftlichen Umständen dienen würde, hat in diesem Film eine ganz andere Aussage: Wenn du es wirklich willst und fest daran glaubst, kannst du es von der Obdachlosenschlange ins Cabrio schaffen, du musst nur hart genug dafür schuften. Reiß dir den Arsch auf und lass dich ausbeuten, dann schaffst auch du es irgendwann, zu den Ausbeutern zu gehören.

Unfreiwillig komisch wird die ganze Geschichte im Rückblick durch die weltweite Finanzkrise von 2008. Der ersehnte Traumjob von Chris, das Verkaufen von Finanzprodukten, ist bei der glamourösen Firma Dean Witter angesiedelt. Diese Firma – zwischenzeitlich aufgekauft von Konkurrent Morgan Stanley – stand 2008 kurz vor der Pleite und hatte in dieser Situation eine Menge der hochbezahlten Börsenmaklerjobs gestrichen, was wiederum die Schlangen von den Obdachlosenheimen auf Dauer ein wenig verlängert hat.

Auf den ersten Blick erstaunlich, dass für dieses uramerikanische Erfolgsmärchen ein italienischer Regisseur verpflichtet wurde. Aber der Italiener Gabriele Muccino bestätigt, was sich auch schon bei Roland “Independence Day” Emmerich oder Wolfgang “Airforce One” Petersen gezeigt hat: Ausländer neigen in Hollywood dazu, sich erst recht als die wahren US-Patrioten zu gerieren, um Akzeptanz im gelobten Land der Filmindustrie zu erreichen. Und wenn ich jetzt noch herausfinde, dass Michael Bay in Wirklichkeit Michail Baikov heißt und Emigrant aus der Ukraine ist, funktioniert diese These noch viel besser…

Handwerklich ist der Film solide gemacht. Muccino zaubert nette Bilder auf die Leinwand, und Will Smith spielt den zwischen Verzweiflung und Mut schwankenden Chris durchaus glaubwürdig. Selbst das Filmkind nervt erstaunlich wenig, auch wenn man sich ein paar Klischeeszenen wie das Weinen um das verlorene Lieblingskuscheltier nicht verkneifen konnte. Allerdings hat man nach den fast zwei Stunden Spielzeit den Eindruck, davon ca. eine Stunde Will Smith mit seinen Habseligkeiten durch Chicago wandern zu sehen, das hätte man auch gut um 20 Minuten straffen können. Und was nützt die schönste Inszenierung, wenn davon nur eine penetrant-naive “Du kannst es schaffen”-Botschaft übrigbleibt, die nach drittklassigem Motivationstrainer klingt.

The Pursuit of Happiness (Das Streben nach Glück), USA 2006 – deutscher Kinostart: 18.01.2007
3/10 Punkte
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s