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Filmkritiken

Avatar (Avatar – Aufbruch nach Pandora)

“Hoffentlich wird dieser Mein-Freund-der-Baum Scheiß nachher nicht abgefragt”

James Cameron hat sich lange Zeit gelassen, um nach Titanic seinen nächsten Blockbuster an den Start zu bringen. Schade, dass er die Zeit nicht genutzt hat, um ein vernünftiges Drehbuch zu schreiben. Avatar kommt daher wie eine krude Mischung aus Jurassic Park, Starship Troopers und Der mit dem Wolf Tanzt, und erzählt dabei einen sehr schlichten Plot: Das naturverbundenes Alien-Volk der “Na’vi” wird von den bösen Menschen bedroht, die die Rohstoffe ihres Heimatplaneten schamlos ausbeuten wollen. Ein Soldat, der sich bei den Na’vi einschleichen soll um sie auszuspionieren, verliebt sich dabei in die Tochter des Stammesältesten und freundet sich mit der Welt der Na’vi an … und der Rest der Story verläuft genauso vorhersehbar wie befürchtet.

Die Darstellung der Na’vi beinhaltet dabei in bester Hausfrauen-Ethno-Esoterik so ziemlich jedes Indio/Indianer/Eingeborenen-Klischee das man kennt, und ist weit über die Schmerzgrenze hinaus kitschig und völlig ironiefrei inszeniert. Unfreiwillig komisch wird das ganze, wenn etwa das gesamte Völkchen um einen Leuchtbaum herum singend meditiert um eine Kranke zu heilen (don’t ask) – da gabs mal eine Magnum-Werbung, in der ein Indio-Volk einen Eisriegel anbetet, das kam weniger peinlich rüber. Dieser Ethno-Brei scheint sich – wie der Batzman mal schrieb – an Leute zu richten, die “ihr Geld freiwillig für Indianer-Häuptlingszitat-Poster, Fantasyplakate mit galoppierenden Einhörnern, vor dem Mond springende Delphine, traurige Harlekine, Panthergipsbüsten, Traumfänger, Räucherkerzen und Walgesangs-CDs ausgeben”.

Man könnte über den schlichten Plot ja noch hinwegsehen, wenn er nicht mit einer solch distanzlosen Ernsthaftigkeit durchgezogen worden wäre: Mit triefendem Pathos aufgeladene unfreiwillig komische Dialoge, Charaktere aus dem Klischeebaukasten, eine Dramaturgie die schon bei Karl May nicht mehr ganz taufrisch war.

Auf der anderen Seite ist Avatar eine Offenbarung: Technisch brillant in Szene gesetzt in einem einzigen Farb- und Lichtrausch, bietet Cameron dem Zuschauer gleich zwei fantastische Bildwelten zum Preis von einer: Zum einen ist da die kühle militärische Sci-Fi Umgebung der Menschen, mit imposanten Kampfmaschinen, Flugeräten und futuristischen Labors (faszinierende Monitore, by the way), ein Traum für jeden Sci-Fi Fan. Zum anderen die farbenfrohe Dschungelwelt der schlumpfigen Naavii, mit filigraner in allen erdenklichen Farben schimmernder Pflanzenwelt bewachsen, und mit allerlei dinosaurierartigem Getier zu Lande zu Wasser und in der Luft bevölkert, atemberaubend visualisiert.

Der visuelle Eindruck wird durch die 3D-Technik noch deutlich imposanter, gerade weil Cameron die 3D-Geschichte nicht mit dem Holzhammer einsetzt: Im Dschungel schwenken sich die Farne in den Raum, flirren die Insekten vor der Leinwand her und saust der Protagonist auf Fuchur einem Flugdrachen in die Tiefe. Es fliegen aber zwecks Effekthascherei nicht ständig irgendwelche virtuelle Gegenstände in den Zuschauerraum, noch sitzt der Zuschauer achterbahnmäßig selber auf dem Flugdrachen. Allerdings überzeugt mich die Technik mit den nervigen Brillen generell noch nicht hunderprozentig. Das was man an räumlicher Tiefe gewinnt, verliert man an Schärfe und Klarheit – zum Rand hin flimmert und verschwimmt der Bildeindruck, und gesund ist das ganze bestimmt auch nicht, wenn einem schon nach den ersten fünf Minuten leicht schwindelig wird.

Die schauspielerische Leistung in Avatar ist schwierig zu bewerten, da die Schauspieler die meiste Zeit unter virtuellen Alien-Kostümen agieren. Das was man von Sam Worthington und Sigourney Weaver sieht, ist aber zumindest solide.

Als Technikdemo ist Avatar absolut beeindruckend, wenn auch in einigen Szenen ein wenig zu aufdringlich und selbstverliebt daherkommend, das schreit manchmal geradezu nach “Guckt mal, das können wir auch”. Auch wenn die Story platt bis ärgerlich ist, zieht einem die Bilderflut über die zweieinhalb Stunden Spielzeit kontinuierlich in den Bann. Der passende Fake-Ethno Soundtrack von James Horner tut dazu sein übriges. Und den fantastische Show-Down hat James Cameron wirklich gut und rasant inszeniert: Ein grandioser Endkampf mit Explosionen, Getöse und allem, was der CGI-Baukasten hergegeben hat, dem man dennoch dramaturgisch jederzeit folgen kann. Eine Tugend, die bei den hektisch geschnittenen Action-Orgien aktueller Superheldenfilme leider keine Selbstverständlichkeit ist.

Avatar (Avatar – Aufbruch nach Pandora), USA 2009 – deutscher Kinostart: 17.12.2009
6/10 Punkte

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