The Last King of Scotland

“You’re a child. That’s what makes you so fucking scary.”

Der König von Schottland verbindet die reale Geschichte der ugandischen Terrorherrschaft Idi Amins mit einer fiktiven Handlung um den jungen Arzt Nicholas Garrigan (James McAvoy). Garrigan geht Anfang der 70er Jahre als Entwicklungshelfer nach Uganda, um seinem spießigen Elternhaus in Schottland zu entkommen. Durch Zufall lernt er den gerade an die Macht geputschten Diktator Idi Amin kennen, der nach einem Autounfall ärztlich behandelt werden muss. Amin ist begeistert von der Unbekümmertheit Garrisons und macht ihn zu seinem Leibarzt und engen Vertrauten.

Anfangs fasziniert von Amins Volksnähe und Charisma, bemerkt Garrigan im Laufe der Zeit, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat – Amins Volksnähe ist nur Fassade, hinter der sich ein brutales Terrorregime verbirgt. Amin läßt politische Gegner gnadenlos verfolgen, schreckt auch vor Säuberungen in den eigenen Reihen nicht zurück und wirtschaftet das Land zugrunde. Garrigan versucht, seinen Einfluß zu nutzen, um einige Auswüchse zu verhindern, merkt aber schnell, dass der Diktator unberechenbar ist und ihn nur als “white monkey” am Hofe hält. Als Garrigan den Entschluß faßt, Uganda zu verlassen, um nicht weiter in die Verstrickungen des Regimes zu geraten, macht Amin ihm klar, dass es kein Zurück gibt.

Forest Whitaker spielt in jeder Szene absolut glaubwürdig den zwischen Kumpelhaftigkeit, Paranoia und Wahnsinn schwankenden ugandischen Diktator, der sich in Sekunden vom warmherzigen Freund zum brutalen Gewaltherrscher verwandeln kann. In jeder vordergründig harmlosen Szene mit ihm schwingt die Spannung mit, dass das Pulverfaß beim geringsten Auslöser explodieren kann. Auch James McAvoy nimmt man den naiven unbekümmerten Arzt ab, der von der Macht verführt wird und schließlich erkennt, auf was er sich eingelassen hat.

Die Story ist in weiten Teilen vorhersehbar, das zugrundeliegende “Entdecke dein Gewissen-Schema” ist nicht wirklich neu. Überraschende Wendungen sollte man bei einer auf realen Begebenheiten basierenden Geschichte aber auch nicht erwarten: Dass ein Attentatsversuch im Film scheitern muss, ist nicht überraschend wenn man weiss, dass Idi Amin erst lange nach seinem Sturz im saudi-arabischen Exil gestorben ist. Das Drehbuch schafft es dennoch, kontinuierlich Spannung aufzubauen, und hält das Tempo. Zum Ende hin wird es dann etwas arg dramatisch, der Film rutscht vom Polit-Drama in die Action-Liga und schreckt auch vor einigen sehr expliziten Gewaltbildern nicht zurück. Dennoch ein absolut sehenswerter Film mit Oscar-reifer Leistung von Forest Whitaker.

The Last King of Scotland (Der letzte König von Schottland), Großbritannien 2006 – deutscher Kinostart: 15.03.2007
9/10 Punkte
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Fleisch ist mein Gemüse

“Swing time is good time, good time is better time!”

Deprimierende Geschichte mit bemitleidenswerten Figuren in trister Szenerie. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Heinz Strunk erzählt die halb-autobiographische Geschichte vom Heranwachsen in der norddeutschen Provinz. Der Protagonist hat fiese Akne, wohnt mit seiner psychisch kranken Mutter auf der falschen Seite der Elbe in Hamburg-Harburg in einem finsteren Reihenhaus und hat kein Glück bei Frauen. Einziger Lichtblick sind seine Auftritte mit der drittklassigen Tanzband “Tiffany’s”, die auf Schützenfesten und Dorffeiern in der Region auftritt.

Mit viel Liebe zum Detail ist das Setting in der norddeutschen Provinz der Achziger Jahre umgesetzt worden. Die Bilder von Schützenfesten oder Hochzeiten wirken deprimierend authentisch. Selten scheint die Sonne, man bewegt sich durch nasskaltes Wetter von einem trostlosen Dorfgasthof zum nächsten, um abgestandene Schlager und Schunkelmusik vor einem alkoholisierten Publikum zu spielen.

Die Romanvorlage schwankt zwischen Tragik, Komik und Skurrilität, und erspart dem Leser auch kein deprimierendes Ende. Ganz so niedergeschlagen wollte man die Kinozuschauer wohl nicht aus dem Saal gehen lassen, und so hat der Film ein fiktives Happy End, an dem sich doch alles zum Guten zu wenden scheint.

Was als Buch ganz gut funktioniert, wirkt im Kino etwas unausgegoren: Für eine Komödie sind die Gags zu dezent gesetzt, für eine mitreissende Geschichte passiert zu wenig. Die Besetzung ist gelungen: Maxim Mehmet als stoischer Protagonist, der sich seinem Schicksal fügt und nur halbherzig von einer Karriere als echter Musiker mit eigener Band träumt, verkörpert gut die Mischung aus Gelassenheit und Resignation. Und Andreas Schmidt als schmieriger Bandleader Gurki, der das Dorfpublikum mit abgestandenen Sprüchen und aufgesetzter guter Laune anzuheizen versucht, hat die komödiantisch dankbarste Rolle, die er auch sehr überzeugend ausfüllt. Sehr bemüht wirken hingegen Einfälle wie die Einbindung des Autors Heinz Strunk als Erzähler, der sich immer wieder mit einem ausgestopften Hirschen unterhält.

Was bleibt ist eine feine und authentisch wirkende Charakterzeichnung von Leuten, die man so genau gar nicht unbedingt kennenlernen wollte. Und für Zuschauer, die in einem ähnlichen Setting in den Achzigern großgeworden sind, der leichte Grusel, dass man dem (hoffentlich) entfliehen konnte.

Fleisch ist mein Gemüse, Deutschland 2008 – deutscher Kinostart: 17.04.2008
5/10 Punkte

The History Boys (Die History Boys – Fürs Leben lernen)

“Wittgenstein hat sich nichts aus den Eingeweiden gerissen, nur damit Ihr daraus eine Phrase macht.”

Nach der überraschend guten College-Komödie “Accepted” das gleiche Thema nochmal aus einer ganz anderen Perspektive. Auch bei History Boys geht es um die Schwierigkeiten der Aufnahme am College, diesmal aber nicht verpackt als launige amerikanische Komödie sondern als ernstes britisches Drama.

History Boys ist die Adaption eines erfolgreichen Bühnenstückes von Alan Bennett, und die Schauspieler sind größtenteils von der Bühnenversion übernommen worden. Die Geschichte spielt an einem englischen Gymnasium in den frühen Achzigern. Die besten Schüler der Abschlußklasse bereiten sich auf die Aufnahmeprüfung für Oxford und Cambridge vor, und der Schuldirektor, besorgt um das gute Image seiner Schule, engagiert den jungen Cambridge-Absolventen Irwin (Stephen Campbell Moore), der für ein erfolgreiches Abschneiden sorgen soll.

Auf Hollywoodfilme mit Hausfrauen-Tiefsinn a la “Club der Toten Dichter” reagiere ich normalerweise ja sehr allergisch. Aber History Boys hat zumindest den Startvorteil, dass Robin Williams nicht mitspielt (und dass er nicht aus Hollywood kommt).

Bei History Boys ist es nicht der neue Lehrer, der seine Schüler auf einfühlsame Weise abseits der konventionellen Lehrmethoden Bildung vermitteln will, sondern der kurz vor der Pensionierung stehende Lehrer Hector (Richard Griffiths, der in Gestus und Mimik verblüffend an einen übergewichtigen Hellmuth Karasek erinnert). Hector bringt den Jungs eine ganzheitliche aber auch chaotische Mischung aus Literatur, Kunst, Poesie und Geschichte nahe. Ein reicher Zitatenschatz, den er seinen Schülern beibringt, ist der Grundstock seiner humanistischen Rundumbildung.

Nachwuchslehrer Irwin hingegen will die Schüler ganz gezielt auf die Prüfung vorbereiten – Hectors Zitatenschatz ist für Irwin vor allem eine Sammlung von “Häppchen”, mit denen man bei der Prüfung gezielt die Antworten ausschmücken kann, um besser abzuschneiden. Ihm geht es vor allem darum, effizient die Zeit zu nutzen, damit die Schüler die Aufnahmeprüfung bestehen können. Er legt dabei wenig wert auf Fakten und Wahrheit, denn mit allseits bekannten Fakten allein kann man die Prüfungskomission nicht beeindrucken. Vielmehr geht es ihm um Originalität und “spin”, dem man einem Thema mitgeben muss, damit es interessant wird. Da wird dann auch mal Hitler als netter Mann dargestellt, der nur mißverstanden worden sei.

Das alles ist nicht ganz so platt wie es sich auf den ersten Blick anhört, es geht nicht Club-der-toten-Dichter mäßig nur um gute sensible und liebevolle Wissensvermittlung versus böses altmodisches Auswendiglernen der traditionellen Schulausbildung. History Boys zeichnet hier durchaus ein differenzierteres Bild und Irwins Lehransatz kommt nicht nur negativ weg. Dennoch liegen die Symphatien des Autors klar beim chaotischen Hector, der jenseits aller Effizienz aus den Jungen bessere Menschen machen will und sie zur Wahrhaftigkeit verpflichten will (”gedankenvoll und nicht etwa clever”).

Der Film macht nebenbei ein eher …äh… unorthodoxes Statement zum Thema sexuelle Belästigung: Hector hat es zur Routine gemacht, immer einen der Schüler auf seinem Motorrad mitzunehmen und auf der Fahrt in den Schritt zu fassen. Im Film ist allerdings nicht Hector der “Böse”, schließlich haben sich die Schüler mit seiner Art arrangiert und es ist “nichts weiter passiert” (Hector: “Ich habe eigentlich nichts getan. Es war schon eine Art Handauflegen, das bestreite ich nicht, aber mehr im Sinne einer Segnung als einer Befriedigung”). Hector ist der liebenswerte Alte, der seine Triebe nicht mehr ganz im Griff hat. Der Böse in diesem Spiel ist vielmehr Schuldirektor Felix, der aufgrund von eingegangenen Beschwerden Hector vorzeitig in Rente schicken will. Felix wird als spießiger Schwulenhasser dargestellt, dem es vor allen darauf ankommt, dass es in seiner Schule “sauber” zugeht auf Kosten des armen Hector. Man muss nicht gleich in US-amerikanische sexual harassment Hysterie verfallen, um den nonchalanten Umgang des Film mit diesem Thema zumindest fragwürdig zu finden.

Die Geschichte wird getragen von teilweise recht wirren Dialogen – das mag auch an der deutschen Synchronisation liegen oder meiner unzureichenden humanistischen Bildung, aber man merkt dem Autor an, wie bemüht er die Dialoge mit Zitaten, Namen, und cleveren historischen und literarischen Anspielungen spicken wollte. Das ganze ist unterlegt mit einem netten 80er Jahre Soundtrack (Smiths, New Order, Clash etc.), der allerdings nur bedingt zur Geschichte passt, die auch problemlos in andere Jahrzehnte passen würde.

Zum Schluß wirds dann nochmal arg melodramatisch, und man wartet geradezu darauf, dass die Jungs nochmal alle aufstehen und “Captain, mein Captain” rufen. Eigentlich schade, denn bis dahin hatte der Film vor allem dadurch überzeugt, nicht jedes Klischee zu bedienen und die Figuren facettenreich ohne klebriges Gefühlspathos zu zeichnen.

The History Boys, Großbritannien 2006 – deutscher Kinostart: 17.5.2007
4/10 Punkte

28 Weeks Later

“Welcome back to Britain”

Mit “28 Days Later” hat Regisseur Danny Boyle (Trainspotting, Sunrise) 2003 erfolgreich versucht, dem trashigen Zombie-Genre neue Impulse zu geben und einen “modernen” Genre-Thriller zu machen, der ohne halb verweste langsam rumtorkelnde Monster auskam. Die Zombies in diesem Film waren keine lahmen Untoten, sondern von einem Wut-Virus infizierte Menschen, die, einmal infiziert, wie auf Speed Jagd auf gesunde Menschen machten und innerhalb von 28 Tagen ganz London dahingerafft haben.

Teil 2 setzt nahtlos da an, wo Teil eins aufgehört hat: Wir sehen zu Beginn eine halbwegs friedliche Idylle einer Gruppe von Leuten, die sich in einem Cottage verschanzt und vor den Infizierten Schutz gefunden haben, darunter Don (Robert Carlyle, der Begbie aus Trainspotting) und seine Frau Alice (Catherine McCormack). Man wartet natürlich nur darauf, dass jeden Moment die Zombies Infizierten in diesen friedliche Rückzugsort einfallen, und genauso passiert es auch. Alle werden niedergemetzelt, alleine Don gelingt die Flucht vor der Zombiehorde, seine Frau läßt er zurück.

Was schon im ersten Teil fasziniert hat, waren die Szenen einer vom Virus entvölkerten Großstadt, und auch der Nachfolger 28 Weeks Later spielt mit diesem Szenario eines menschenleeren Landes: Großbritannien ist von Virus dahingerafft worden, die Infizierten verhungert, und Londons Wahrzeichen wie Tower Bridge, Wembley Stadion oder der Swiss-Re-Tower sind verlassen. Nach 28 Wochen beginnt eine von Amerikanern geleitete NATO-Truppe mit der Wiederansiedlung auf der Britischen Insel. Auf der Londoner Isle of Dogs hat das Militär den “District One” eingerichtet, in dem – abgetrennt vom Rest der Stadt und scharf bewacht von den US-Truppen – der Wiederaufbau der Zivilisation beginnen soll.

Don hat als einer der wenigen die vorangegangenen Wochen überlebt. In District One empfängt seine Kinder Tammy (Imogen Poots) und Andy (Mackintosh Muggleton), die während des Seuchenausbruchs im Ausland waren, und versucht, mit ihnen wieder ein normales Leben aufzubauen. Zunächst erscheint alles friedlich, doch – wie könnte es anders sein – der Virus ist noch nicht besiegt und beginnt plötzlich, sich mit rasender Geschwindigkeit im District One auszubreiten.

Danny Boyle hat diesmal nur produziert und die Regie dem Spanier Juan Carlos Fresnadillo überlassen. Während im ersten Teil die klaustrophobische Stille einer menschenleeren Großstadt weite Teile des Films prägte, hat Fresnadillo den zweiten Teil deutlich mehr auf Action ausgelegt: Wackelige Handkamera, harte Schnitte, hektische Verfolgungsjagden und Schießereien. Das ganze diesmal nicht in der B-Movie Optik des ersten Teils (der mit 5 Millionen Pfund eine echte low budget Produktion war), sondern durchaus auf Hollywood-Niveau. War allerdings in Boyles erstem Teil der Splatter-Faktor durch die schnellen Schnitte vergleichsweise gering und die Grusel-Atmosphäre auch ohne Blutorgien präsent, konnte sich Fresnadillo in Teil 2 einige sehr explizite Szenen nicht verkneifen. Schade, das wäre eigentlich unnötig gewesen, da der Film auch so über weite Strecken eine beklemmend finstere Stimmung erzeugt und bis zum Schluß ein rasantes Tempo hält.

Wie bei Romeros Land of the Dead kann man auch bei 28 Weeks Later eine Menge Gesellschaftskritik in das Blutgemetzel reininterpretieren. Die Bilder der amerikanischen Besatzungstruppen in Großbritannien, die vom allmächtigen Beschützer der Zivilbevölkerung zum Todeskommando degenerieren, drängen einen Vergleich mit dem aktuellem Weltgeschehen geradezu auf. Doch auch wenn einige Deutungsmuster sehr naheliegen, sollte man die Allegoriensuche nicht überstrapazieren. Letztlich ist das hier kein Autorenfilm, sondern ein düsterer Endzeit Grusel-Schocker, wenn auch ein sehr guter. Das Ende ist übrigens sehr stilecht und läßt viel Raum für Teil 3.

28 Weeks Later, Großbritannien 2007 – deutscher Kinostart: 30.08.2007
8/10 Punkte

Disturbia

“That’s either the creepiest… or the sweetest thing I have ever heard.” – Ashley

Regisseur D.J. Caruso macht aus einer ungewöhnlichen Kombination von Genres einen durchaus unterhaltsamen Mix. Nachdem der Zuschauer in den ersten Minuten einen brutalen Verkehrsunfall zu sehen bekommt, bei dem der Vater des Hauptdarstellers ums Leben kommt, geht Disturbia die nächste Dreiviertelstunde als locker und leicht inszenierte Teen-Story weiter: Kale (Shia LaBeouf) ist nach dem Tod des Vaters aus der Bahn geworfen worden und wird nach einem tätlichen Angriff auf seinen Lehrer zu drei Monaten Hausarrest per Fußfessel verurteilt. Da seine Freunde in den Ferien sind, vertreibt er sich zunächst mit Computerspielen, Trash-TV und Junk-Food die Zeit, bis seine Mutter (Carrie-Anne Moss, die Trinity aus The Matrix) schließlich der Verwahrlosung ein Ende setzt, sein X-Box Live Abo kündigt und den Fernseher sperrt. Allem elektronischen Spielzeug beraubt, sucht sich Kane einen anderen Zeitvertreib und fängt an, die hübsche Nachbarstochter Ashley (Sarah Roemer) zu beobachten, und zögerlich mit ihr anzubandeln. Doch auch die anderen Nachbarn beginnen ihn zu interessieren, v.a. der undurchsichtigen Mr. Turner (David Morse), der der Beschreibung eines gesuchten Serienkillers erstaunlich nahe kommt. Gemeinsam mit Ashley und seinem Kumpel Ronnie (Aaron Yoo) macht sich Kale daran, das Geheimnis des Nachbarn genauer zu erforschen.

Bis hier hin fühlt sich Disturbia eher wie eine Teenager-Romanze à la “The Girl next Door” an, die sich vor allem um Kale, seine Strategien gegen die Langeweile des Hausarests und die aufkeimende Beziehung zu Ashley dreht. Aber nachdem aus der spielerischen Observation des Nachbarn auf einmal blutiger Ernst wird, entwickelt sich der Film recht unvermittelt zu einem veritablen Schocker. Der zwielichtige Mr. Turner mit schütterem Haar ist dabei ganz deutlich von Hannibal Lecter inspiriert, wie auch sonst im Film recht dreist aus allen möglichen Vorbildern geklaut (oder sagen wir, zitiert) wird. Schon das Setting eines ans Haus gefesselten Voyeurs ist von Hitchcocks “Fenster zum Hof” inspiriert. Die blutigen Thriller-Szenen im zweiten Teil wirken dann wie aus Scream, Sieben oder Schweigen der Lämmer zusammengestückelt, bleiben aber dabei jederzeit spannend und gut getimed.

Erstaunlicherweise funktionieren beide Teile des Films für sich genommen sehr gut, und auch die Kombination der Elemente ist effektiv. So wird man als Zuschauer in der ersten Hälfte mit den Beziehungsspielchen zwischen Kale und Ashley regelrecht eingelullt, um dann vom plötzlichen Wechsel ins Slasher-Genre umso mehr überrumpelt zu werden. Ein gutes Beispiel dafür, wie man aus vielen geklauten Bausteinen etwas sehenswertes Neues schaffen kann.

Disturbia, USA 2007 – deutscher Kinostart: 20.09.2007
7/10 Punkte

Gran Torino

“Ever noticed how you come across somebody once in a while you shouldn’t have fucked with? – That’s me.”

Nachdem Clint Eastwood mit Million Dollar Baby eigentlich angekündigt hatte, dass dies seine letzte Rolle vor der Kamera sein sollte, hat er für seinen nächsten Film Gran Torino doch wieder die Hauptrolle übernommen. Eine gute Entscheidung, denn die Rolle des knorrigen alten Mannes ist ihm auf den Leib geschrieben: Walt Kowalski (Clint Eastwood) lebt verbittert als Witwer alleine in einem Detroiter Vorort. Seine Söhne, Schwiegertöchter und Enkel sind eher daran interessiert, was es beim Alten noch zu holen gibt als an seinem Leben. Die Zeiten sind schlecht und die einst gutsituierte Wohngegend verkommt. Für Kowalksi ein sicheres Zeichen des Verfalls ist, dass in der Nachbarschaft immer mehr Asiaten einziehen, die im Hof Hühner schlachten und den Garten nicht in amerikanischer Ordnung halten. Und auf den Straßen machen sich Gangs breit.

Walt war im Korea-Krieg, und die grausamen Kriegserlebnisse haben seine Einstellung gegenüber Asiaten geprägt. Er hat Jahrzehnte bei Ford gearbeitet und sieht mit Verachtung auf den Toyota, den sein Sohn gekauft hat. Die asiatische Großfamilie, die ins Nachbarhaus einzieht, wird von ihm entsprechend mürrisch und mißtrauisch beobachtet. Umso mehr, als der Sohn seinen ganze Stolz, einen alten Ford Gran Torino stehlen will. Aber die bedrohliche Außenwelt der Straßengangs sorgt dafür, dass sich ungewöhnliche Allianzen bilden und Walt sich mit den neuen Nachbarn arrangieren muss.

Amerikanische Vororte scheinen gefährlicher zu sein als ein Kriegsgebiet im Nahen Osten: Schwarze gegen Weiße, Asiaten gegen Hispanics, und mittendrin Eastwood als traditionsverhafteter Amerikaner, der sich mit den neuen Spielregeln nicht abfinden will. Die sich abzeichnenden Konflikte entwickeln sich in eine schön unorthodoxe Richtung. Das Spiel mit Rassismus, Vorurteilen und ethnischen Konflikten, dass jenseits aller political correctness ungewöhnliche Rollenverteilungen erlaubt, erinnert stark an L.A. Crash oder Lakeview Terrace. Allerdings ist der Umgang mit Klischees und Vorurteilen hier nicht immer sehr subtil, Eastwood bringt seinen Punkt auch gerne mal sehr direkt vor. Aber gerade die eher grobschlächtigen Dialoge zwischen grumpy old white man Eastwood und der smarten asiatischen Nachbarstochter (Ahney Her) sind sehr charmant umgesetzt und sorgen für ein paar Lacher in der anfänglich so bedrohlichen Vororthölle. Und es macht großen Spaß, den verbitterten Walt auftauen zu sehen. Was sich zwischenzeitlich fast zu einer eher launigen Komödie zu entwickeln scheint, eskaliert dann schließlich doch zu einem handfesten Drama – die zarten Bande zwischen den Nachbarn werden zerrissen durch den brutalen Bandenterror.

Ein wenig sauer stößt die Botschaft auf, dass man sich und sein Haus in Amerika nur durch eigene Waffen verteidigen kann. In den Schlüsselszenen sieht man Walt mit einem Revolver Gang-Mitglieder in die Schranken weisen, und der Film macht an diesen Stellen keinen Hehl daraus, dass dies die einzige Möglichkeit sei, sich in dieser Gesellschaft zur Wehr zu setzen. Glücklicherweise rettet die Schlußpointe das Ganze vor einer allzu offensichtlichen Agitation für Waffenbesitz.

Verblüffend, dass der Film bei den Oscars komplett ignoriert wurde. Man kann nicht gerade behaupten, dass Eastwood eine große schauspielerische Bandbreite hat, auch hier ist es der knorrige alte Mann, der verbittert durchs Leben schreitet. Aber in dieser Rolle ist Eastwood immer wieder brillant. Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller Eastwood hat es sich auch nicht nehmen lassen, beim Titelsong selber mitzusingen (auch wenn die Credits anderes behaupten), was bei seiner krächzigen Stimme allerdings ein wenig unfreiwillig komisch klingt. Auch wenn der von Eastwood mitkomponierte Song ansonsten großartig ist.

Gran Torino, USA 2008 – deutscher Kinostart: 5.03.2009
9/10 Punkte

John Rambo

“Fuck the world”

War Rambo Teil 1 noch eine durchaus kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Post-Vietnam Trauma, glitt das Ganze in Teil 2 in ein unreflektiertes patriotisches Action-Spektakel ab, um dann im 3. Teil nur noch üble Kalter Kriegs Propaganda zu werden, bei der der heroische amerikanische Held den unterdrückten Taliban (!) beim Kampf gegen die bösen Russen hilft. Die spannende Frage war, in welche Richtung Stallone seinen Helden 20 Jahre danach führt, um die Geschichte abzuschließen. Seinem zweiten Alter Ego Rocky hat Stallone 2006 ja ein erstaunlich würdiges Finale gesetzt, und so konnte man vermuten, dass auch für Rambo kein einfacher Aufguß des plumpen 80er Jahre Action-Kinos folgt, sondern Stallone (der diesmal das Drehbuch selbt verfasst hat) auch hier einen etwas differenzierteren Abschluss findet.

Aber weit gefehlt…

Gleich zu Beginn wird klargemacht, dass hier nicht allzuviele Grautöne gemalt werden, sondern klares Schwarz und Weiß vorherrscht. Eine Collage von Nachrichtenbildern führt uns die Bösewichter vor Augen und zeigt einen Zusammenschnitt von Unterdrückung, Folterungen und Ermordungen des Militärregimes in Burma. Und damit jeder versteht, mit was für Bösewichten wir es hier zu tun haben, werden wir in der ersten Filmszene Zeuge, wie das burmesische Militär brutal eine Gruppe von Zivilisten hinrichtet.

Die Guten sind auf der anderen Seite eine Gruppe christlicher Helfer aus den USA, die dem unterdrückten burmesischen Volk Lebensmittel und Bibeln bringen wollen, damit es ihnen besser geht (nein, das denke ich mir gerade nicht aus). John Rambo, der an der Grenze zu Burma ein friedfertiges Leben als Fischer und Schlangenjäger führt, erklärt sich widerwillig bereit, die Gruppe nach Burma zu bringen. Dort werden die Helfer vom burmesischen Militär gefangengenommen, und so begleitet Rambo einen Trupp von Söldnern in den burmesischen Dschungel, um die Missionare zu retten.

Was folgt, ist sehr schnörkelloses Action-Kino nach dem bekannten Muster “Kleines Trüppchen heroischer Kämpfer gegen Hundertschaften militärischer Übermacht”. Durchaus rasant inszeniert, und äußerst gewalttätig. Der Splatter-Faktor ist hoch – Es explodiert allerorten, Gedärme fliegen durch die Luft, Köpfe rollen, Beine werden weggesprengt. Beim großen Showdown wird das Schlachtfest dann nochmal auf die Spitze getrieben – soviel Blut war selten auf der Leinwand (und wenn man der IMDB glauben darf, hat Teil 4 mit einem “kill count” von 236 auch mehr Tote als seine Vorgänger, und damit eine Quote von 2,59 Toten pro Filmminute).

Die Dialoge schwanken zwischen unfreiwillig komisch und groteskem Pathos. Da sagt die blonde Missionarin mal völlig ironiefrei “We are here to make a difference, we believe all lifes are special”, und der stoische John Rambo antwortet philosophisch “Live your life, cause you have a good one”. Zum Glück ist auch dieses Sequel nicht wirklich dialoglastig, sondern führt handfestere Argumente ins Feld.

Die Produktion ist sehr solide, so billig die Dialoge sind, so professionell ist das ganze in Szene gesetzt. Die Bildsprache knüpft an die bekannten Elemente aus den ersten Teilen an: Der stoische Held blickt voller Weltschmerz in den Dschungel; schmiedet das glühende Eisen am Amboss; geht mit Pfeil und Bogen auf die Jagd; setzt mit dem Zippo ein Boot in Flammen. Hier wird nochmal eine Ikone des 80er Jahre Kinos von allen Seiten beleuchtet.

Der große Abschluß der Saga wie bei Rocky war das jedoch nicht – eher die konsequente Weiterführung der actionlastigen Vergangenheit. Die Story endet zwar mit einer versöhnlichen Szene, die Rambos Leidensweg zu einem beschaulichen Ende bringen soll und ihn dorthin führt, wo er seit Teil 1 eigentlich hin will. Dieser Schluß wirkt aber angesichts des gerade erst abgeschlossenen Gemetzels eher unpassend und drangeklatscht. Ein glaubwürdige Charakterentwicklung macht Figur Rambo in diesem Film auf jeden Fall nicht durch. Daher würde auch im Gegensatz zu Rocky bei Rambo ein weiteres Sequel nicht wirklich überraschen.

Für Freunde von unprätentiöser Action-Ballerei, die auch mal 90 Minuten das Gehirn ausschalten können und vor expliziter Gewaltdarstellung nicht zurückschrecken, ein passabel inszeniertes Schlachtfest. Wer mehr erwartet, wird enttäuscht sein.

Kleines Detail am Rande: Schön zu sehen, dass die christlichen burmesischen Rebellen Bundeswerkparkas mit schwarzrotgoldenem Aufnäher tragen

Rambo (John Rambo), USA 2007 – deutscher Kinostart: 14. Februar 2008
6/10 Punkte