I am Legend

“This is Ground Zero”.

I am Legend beruht auf dem gleichnamigen Roman
von Richard Matheson aus dem Jahre 1954, ist aber ganz eindeutig ebenso inspiriert von Danny Boyles Neo-Zombie Reißer “28 Days Later” aus dem Jahr 2000 (der mit 28 Weeks Later im letzten Jahr einen ebenso sehenswertes Sequel bekam).

Waren es bei 28 Days Later die klaustrophobischen Bilder eines entvölkerten London, ist es hier das ausgestorbene New York des Jahres 2012, dessen Plätze menschenleer sind, dessen Straßen schon von Unkraut überwuchert sind und wo der letzte Überlebende zwischen den Häuserschluchten eine Herde von wilden Hirschen jagt.

Der Film beginnt mit einem Kurzauftritt von Emma Thompson als Virusexpertin, die in einem Fernsehinterview optimistisch vom Sieg über den Krebs durch einen neuartigen umprogrammieren Virus spricht. In der nächsten Szene springen wir drei Jahre in die Zukunft und sehen ein verwüstetes und menschenleeres New York.

Robert Neville (Will Smith) hat es sich als letzter Überlebender sehr glaubwürdig in der menschenleeren Stadt eingerichtet: Versorgt mit einem Riesenvorrat an Konserven, Notstromaggregaten und Wassertanks lebt er mit seinem Hund in einer komfortablen Villa. Für frische Nahrung geht er in den Häuserschluchten von New York auf Wildjagd oder erntet frischen Mais im Central Park.

Aber die Idylle trügt. Der Virus stellte sich als eine tödliche Bedrohung heraus, der die Menschen nicht vom Krebs geheilt hat, sondern zu vampierartigen Wesen gemacht hat, die sich tagsüber verstecken, aber nachts fledermausartig über die Stadt herfallen. Nicht nur das Setting ist von 28 Days Later geklaut, auch die Auswirkung des Virus ist hier ganz ähnlich – die befallenen Lebewesen wirken wie Zombies auf Speed.

Über weite Strecken ist der Film erstaunlich still und ruhig. Für einen Hollywood Blockbuster untypisch wird auch nicht jede Szene in ein Soundtrack-Gewaber getaucht, sondern man sieht Will Smith minutenlang zu, wie er in seiner Wohnung mit seinem Hund auf dem Laufband trainiert oder Essen zubereitet, ohne dass gleich im Hintergrund ein Orchester einsetzt. Diese geradezu meditative Stille ist auch ein aus 28 Days Later übernommenes Stilmittel, das die die klaustrophobische Atmosphäre der entvölkerten Stadt unterstreicht. Beide Filme leben von quasi-dokumentarischen Szenen mit wackeliger Handkamera oder über pixelige Webcam.

Über Flashbacks, Zeitungsausrisse am Kühlschrank nebenbei laufende Nachrichtensendungen erfährt der Zuschauer immer mehr Details darüber, wie es zur Katastrophe kam. Sci-Fi mäßig üblich dürfen auch ein paar Anspielungen auf die nahe Zukunft nicht fehlen, wenn z.B. ein Kinoplakat den neuen Batman vs. Superman Film bewirbt.

Die Trickeffekte wie der fahrende Sportwagen im menschenleeren New York wirken für einen Blockbuster erstaunlich unecht und sehen eher nach einem (wenn auch zeitgemäßen) Computerspiel aus. Auch die Szenen, in denen Neville mit einem Maschinengewehr im dunklen Gebäuden gegen die Untoten kämpft, könnten 1:1 aus einem aktuellen Ego-Shooter stammen. Selbst die monsterähnlichen Wesen wirken wie aus Quake oder Doom geklaut.

Will Smith trägt den Film über weite Strecken ohne Unterstützung durch andere Darsteller und zeigt damit einmal mehr, dass er zu recht einer der höchstbezahlten Schauspieler ist. Er kann nicht nur tumbe Action-Szenen oder Comedies spielen, sondern auch die Verzweiflung eines von der Menschheit alleingelassenen Menschen rüberbringen, der zwischen Normalität und beginnendem Wahnsinn pendelt (auch wenn das einige ganz anders sehen).

Besser gut geklaut als schlecht selbst ausgedacht – I am Legend ist eine gelungene Neuauflage von 28 Days Later mit für einen großen Hollywood Blockbuster ungewöhnlich ruhigen Erzählweise, die sich nicht blind auf Special Effects verläßt. Erst gegen Ende überwiegt die (nicht wirklich überzeugende) CGI-Action und zerstört damit leider eine Menge der in der ersten Hälfte aufgebauten Atmosphäre. Wie schon Zombie-Altmeister George Romero in seinen letzten Filmen den Zombies einen Funken Intelligenz eingehaucht hat, sind auch hier die Infizierten keine tumben wankenden Gestalten sondern entwickeln sich zu gefährlichen Gegnern, die sogar Fallen stellen.

Wer hier letztlich von wem geklaut hat, sei mal dahingestellt, schließlich war 28 Days Later letztlich auch nur eine Weiterentwicklung von George Romeros Zombie-Filmen, und Romeros “Night of the Living Dead” wiederum stark von Mathesons “I am Legend” Roman inspiriert.

I am Legend, USA 2007 – deutscher Kinostart: 10.01.2008
8/10 Punkte
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John Rambo

“Fuck the world”

War Rambo Teil 1 noch eine durchaus kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Post-Vietnam Trauma, glitt das Ganze in Teil 2 in ein unreflektiertes patriotisches Action-Spektakel ab, um dann im 3. Teil nur noch üble Kalter Kriegs Propaganda zu werden, bei der der heroische amerikanische Held den unterdrückten Taliban (!) beim Kampf gegen die bösen Russen hilft. Die spannende Frage war, in welche Richtung Stallone seinen Helden 20 Jahre danach führt, um die Geschichte abzuschließen. Seinem zweiten Alter Ego Rocky hat Stallone 2006 ja ein erstaunlich würdiges Finale gesetzt, und so konnte man vermuten, dass auch für Rambo kein einfacher Aufguß des plumpen 80er Jahre Action-Kinos folgt, sondern Stallone (der diesmal das Drehbuch selbt verfasst hat) auch hier einen etwas differenzierteren Abschluss findet.

Aber weit gefehlt…

Gleich zu Beginn wird klargemacht, dass hier nicht allzuviele Grautöne gemalt werden, sondern klares Schwarz und Weiß vorherrscht. Eine Collage von Nachrichtenbildern führt uns die Bösewichter vor Augen und zeigt einen Zusammenschnitt von Unterdrückung, Folterungen und Ermordungen des Militärregimes in Burma. Und damit jeder versteht, mit was für Bösewichten wir es hier zu tun haben, werden wir in der ersten Filmszene Zeuge, wie das burmesische Militär brutal eine Gruppe von Zivilisten hinrichtet.

Die Guten sind auf der anderen Seite eine Gruppe christlicher Helfer aus den USA, die dem unterdrückten burmesischen Volk Lebensmittel und Bibeln bringen wollen, damit es ihnen besser geht (nein, das denke ich mir gerade nicht aus). John Rambo, der an der Grenze zu Burma ein friedfertiges Leben als Fischer und Schlangenjäger führt, erklärt sich widerwillig bereit, die Gruppe nach Burma zu bringen. Dort werden die Helfer vom burmesischen Militär gefangengenommen, und so begleitet Rambo einen Trupp von Söldnern in den burmesischen Dschungel, um die Missionare zu retten.

Was folgt, ist sehr schnörkelloses Action-Kino nach dem bekannten Muster “Kleines Trüppchen heroischer Kämpfer gegen Hundertschaften militärischer Übermacht”. Durchaus rasant inszeniert, und äußerst gewalttätig. Der Splatter-Faktor ist hoch – Es explodiert allerorten, Gedärme fliegen durch die Luft, Köpfe rollen, Beine werden weggesprengt. Beim großen Showdown wird das Schlachtfest dann nochmal auf die Spitze getrieben – soviel Blut war selten auf der Leinwand (und wenn man der IMDB glauben darf, hat Teil 4 mit einem “kill count” von 236 auch mehr Tote als seine Vorgänger, und damit eine Quote von 2,59 Toten pro Filmminute).

Die Dialoge schwanken zwischen unfreiwillig komisch und groteskem Pathos. Da sagt die blonde Missionarin mal völlig ironiefrei “We are here to make a difference, we believe all lifes are special”, und der stoische John Rambo antwortet philosophisch “Live your life, cause you have a good one”. Zum Glück ist auch dieses Sequel nicht wirklich dialoglastig, sondern führt handfestere Argumente ins Feld.

Die Produktion ist sehr solide, so billig die Dialoge sind, so professionell ist das ganze in Szene gesetzt. Die Bildsprache knüpft an die bekannten Elemente aus den ersten Teilen an: Der stoische Held blickt voller Weltschmerz in den Dschungel; schmiedet das glühende Eisen am Amboss; geht mit Pfeil und Bogen auf die Jagd; setzt mit dem Zippo ein Boot in Flammen. Hier wird nochmal eine Ikone des 80er Jahre Kinos von allen Seiten beleuchtet.

Der große Abschluß der Saga wie bei Rocky war das jedoch nicht – eher die konsequente Weiterführung der actionlastigen Vergangenheit. Die Story endet zwar mit einer versöhnlichen Szene, die Rambos Leidensweg zu einem beschaulichen Ende bringen soll und ihn dorthin führt, wo er seit Teil 1 eigentlich hin will. Dieser Schluß wirkt aber angesichts des gerade erst abgeschlossenen Gemetzels eher unpassend und drangeklatscht. Ein glaubwürdige Charakterentwicklung macht Figur Rambo in diesem Film auf jeden Fall nicht durch. Daher würde auch im Gegensatz zu Rocky bei Rambo ein weiteres Sequel nicht wirklich überraschen.

Für Freunde von unprätentiöser Action-Ballerei, die auch mal 90 Minuten das Gehirn ausschalten können und vor expliziter Gewaltdarstellung nicht zurückschrecken, ein passabel inszeniertes Schlachtfest. Wer mehr erwartet, wird enttäuscht sein.

Kleines Detail am Rande: Schön zu sehen, dass die christlichen burmesischen Rebellen Bundeswerkparkas mit schwarzrotgoldenem Aufnäher tragen

Rambo (John Rambo), USA 2007 – deutscher Kinostart: 14. Februar 2008
6/10 Punkte

Rocky Balboa

“It’s not over until it’s over”

Alles eine Frage der Erwartungssteuerung. Wenn man eine Katastrophe erwartet (bitte was? ein neuer Rocky-Film? Mit Stallone himself? WTF?), kanns eigentlich nur besser werden. Das gute vorweg: Im Film wird kaum geboxt. Und Stallone ist zwar alt geworden, aber hat immer noch genug Muskeln, um das Konzept “Rentner im Boxring” nicht komplett absurd erscheinen zu lassen. Ansonsten wird sehr sehr viel geredet. Rocky philosophiert über das Leben im allgemeinen, Glück und Schicksal, bandelt mit einer alleinerziehenden Mutter an und kümmert sich um ihren verwahrlosten Sohn.
Sehr positiv ist, dass trotz klischeegeschwängerten Bildern (ich sag nur: Schweinehälften als Sandsack-Ersatz) und Hausfrauenphilosophie die Story sich die allergrößten Plattheiten verkneift. Ich hätte z.B. wetten können, dass das von Rocky fürsorglich aufgenommene Straßenkind erstmal sein Restaurant plündert, um dann am Ende auf den richtigen Weg zurückgebracht zu werden – aber nein, so ganz aus dem Anfängerbaukasten für Hollywood-Drehbücher hat man die Geschichte dann doch nicht zusammengebaut. Und dann schafft es der Film zwischenzeitlich sogar durchaus, eine glaubhafte melancholische Atmosphäre um den abgehalfterten Star zu zelebrieren, der es nochmal wissen will.
Auch die (wenigen) Rückblenden – aus den alten Filmen reinkopiert – sind stimmungsvoll eingesetzt und lassen den neuen Film als Abschluss der Rocky-Saga rund erscheinen.

Rocky Balboa, USA 2006 – deutscher Kinostart: 8.2.07
5/10 Punkte

Quantum of Solace (Ein Quantum Trost)

“If you could avoid killing every possible lead, it would be deeply appreciated. ” – M.

Nach all den eher durchwachsenen Kritiken war ich doch positiv überrascht vom zweiten Bond mit Daniel Craig. Ein solides Action-Paket, das genau da weitermacht, wo Casino Royale aufgehört hat. QoS ist der erste Bond, der als direkte Fortsetzung gedreht ist, und man verschwendet auch keine Zeit, die Zuschauer groß in die Geschichte einzuführen. Da macht die etwas wirre Story um ein weltweit agierendes Gangstersyndikat leider nicht verständlicher. Die Schauplätze wechseln so schnell wie die Protagonisten, und es fällt zwischenzeitlich schwer, die Motivation der Beteiligten, inkl. Bond, nachzuvollziehen. Bei Daniel Craigs Bond kommt hinzu, dass die Rolle so eiskalt und wortkarg angelegt ist, dass sie Gefahr läuft, zu blutleer zu wirken. Die Szenen, in denen er mal aus der Rolle des einsamen Helden herausfällt und echte Emotionen zeigt, wirkten in diesem Zusammenhang fast aufgesetzt und unglaubwürdig. Dennoch ist der neue Bond, der eher mit Jason Bourne als mit früheren Bonds Ähnlichkeit hat, ein richtiger Schritt für das Franchise.

Auch was das Setting angeht, bleibt Quantum of Solace dem Vorgänger treu: keine comichaft überzeichnete Action mehr, die mit humorigen One-Linern eines Pierce Brosnan garniert werden, sondern Gewalt und Härte, es gibt wenig zu lachen in der neuen Bond-Welt des Daniel Craig. Die beeindruckenden harten Actionsequenzen sind oft allerdings ein wenig zu hektisch geschnitten. Man hat zwischenzeitlich das Gefühl, dass mit den rasanten Schnittfolgen über eine fehlende konsistente Dramaturgie hinweggetäuscht werden soll.

Wie immer großartig ist Judi Dench als M. Auch Mathieu Amalric als Bösewicht Dominic Greene hat das nötige Format für die Rolle, einzig der angestrengte französische Akzent in der deutschen Synchro nervt etwas, aber das kann man Amalric kaum vorwerfen. Die Produktion ist auf höchstem Niveau, Regisseur Marc Forster hat ein extrem stylishes Paket geschnürt, in dem Daniel Craig auch nach blutigen Einzelkämpfen in der bolivianischen Wüste immer noch in maßgeschneidertem Tom Ford Anzug durch die Szenerie schreitet. Auch die Drehorte sind beeindruckend, selbst für Bond-Verhältnisse: von der Bregenzer Seebühne, über das spektakuläre ESO Hotel in der Chilenischen Wüste bis zu den den Dächern des italienischen Siena.

So komplex die Story auf der einen Seite angelegt ist, bleiben die Motivationen der Figuren teilweise unverständlich bis unglaubwürdig. Nehmen wir Bond-Girl Olga Kurlenko, deren Rolle beinhaltet, immer wieder zum Schurken Greene zurückzukehren, obwohl sie weiß, dass er sie umbringen will (und das auch jedes Mal versucht). Oder das allmächtige Gangstersyndikat Quantum, dass auf der ganzen Welt hochrangige Mitglieder hat, und selbst den MI6 unterwandert: Großartig zwar die Idee, eine verdeckte Konferenz von Quantum im Rahmen der Bregenzer Festspiele parallel zur Aufführung über Headsets durchzuführen. Aber mit derart viel Macht und Einfluß ausgestattet wirkt es umso unglaubwürdiger, dass diese Organisation so viel Zeit und Geld in eine Aktion steckt, in einem verarmten südamerikanischen Land die Bevölkerung ausbeuten zu wollen. Viel effektiver wäre es da, die reichen westlichen Staaten mit Hilfe von ein paar Lasern oder Atomraketen zu erpressen, wie das frühere Bond-Bösewichte immer wieder fast erfolgreich getan haben. Erstaunlich, dass sich für dieses etwas halbgare Drehbuch Paul Haggis verantwortlich zeichnet, der ansonsten für anspruchsvoll intelligente Produktionen wie Crash, Million Dollar Baby oder In the Valley of Elah steht.

Bemerkenswert sind allerdings die politischen Statements, zu denen sich das Drehbuch genre-untypisch hinreißt: Da wird der CIA, der in vergangenen Bonds immer mal als rettende Partnerorganisation gegen das Böse zur Seite stand, als Dikatoren stützende Seilschaft dargestellt, die die britischen Kollegen hintergeht und auch nicht vor Mord in den eigenen Reihen zurückschreckt. Und auch der britische Außenminister darf erklären, dass es in Zeiten globaler Rohstoffknappheit nicht mehr um Gut und Böse gehe, sondern einzig um die Sicherung von Ölvorkommen für den Westen, koste es was es wolle. Zum Glück gibt es da noch M und ihren Spitzenmann Bond, die sich nicht derart korrumpieren lassen.

Insgesamt eine würdige Fortsetzung von Craig’s Casino Royale Erstling. Mit dieser ernsthaften actionlastigen Ausrichtung befindet sich Bond wieder auf Augenhöhe mit Genre-Kollegen wie Jason Bourne.

Quantum of Solace (Ein Quantum Trost) 2008 – deutscher Kinostart: 6.11.2008
7/10 Punkte

No Country for Old Men

“Execution here – Wild West over there”

Ich bin eigentlich kein Fan der Coen-Brüder: The Big Lebowski konnte ich so rein gar nichts abgewinnen, und auch Fargo fand ich allenfalls durchschnittlich. Spätere Werke wie Ladykillers sind dann auch bei Publikum und Kritik durchgefallen. Mit dem Streifen “No Country for old Men” haben die beiden aber nicht nur überall begeisterte Kritiken hervorgerufen, sondern auch bei der Oscar-Verleihung kräftig abgeräumt. Zu Recht.

Die Geschichte: Auf der Jagd in der Prärie stößt Llewelyn Moss (Josh Brolin) auf den Schauplatz einer gescheiterten Drogenübergabe. Alle Beteiligten sind tot oder nahe davor, und so greift sich Llewelyn den Geldkoffer mit zwei Millionen Dollar. Ab diesem Zeitpunkt sind nicht nur die mexikanische Drogenmafia, Kopfgeldjäger und die Polizei, sondern auch ein psychopatischer Killer namens Anton Chigurh hinter ihm her. Chigurh (Javier Bardem) mordet bevorzugt nicht mit dem Revolver, sondern mit einem per Gasflasche betriebenen Bolzenschußgerät.

Schon in den ersten zehn Minuten werden wir Zeugen zweier brutaler Morde und sehen einen Haufen weiterer Leichen. Und in dem Stil geht es dann munter weiter. Die Brutalität entsteht vor allem durch die Nebensächlichkeit, mit der hier gemordet wird. Chigurh verzieht keine Mine, wenn er jemanden ins Jenseits befördert, und macht anschließend weiter als sei nichts passiert. Das ist zwar seit Pulp Fiction nichts neues, aber wird hier nochmal zur Perfektion getrieben.

Die spannungsgeladensten Szenen sind dabei aber oft genau die, in denen eigentlich nichts passiert. Wenn Chigurh eine Tankstelle betritt, mit dem Besitzer einen ruhigen aber bedrohlichen Wortwechsel führt und dann eine Münze wirft, ist jedem außer dem Tankstellenbesitzer klar, dass es hier um sein Leben geht. Er rät die richtige Münzseite und so verläßt Chigurh die Tankstelle wieder ohne ein Blutbad anzurichten. Nichts ist passiert, aber die Szene hätte auch mit jedem Moment anders ausgehen können.

Die Geschichte wird bestimmt von einem sehr epischen Erzähltempo, hier werden nicht viele Worte gemacht, sondern die Protagonisten ziehen schweigend durch die Prärie. Man nimmt sich viel Zeit für einzelne Szenen, Einstellungen und Landschaftsaufnahmen – trotzdem schaffen es die Coens von Beginn an, Spannung aufzubauen und zu halten. Unterstützt wird das ganze von hervorragenden Schauspielern: Tommy Lee Jones als alternder lebenserfahrener Sheriff. Josh Brolin als bauernschlauer Cowboy der den Fund seines Lebens macht. Kelly Macdonald als seine naiv-schüchtern Frau. Und natürlich Javier Bardem als Psychokiller mit Mireille Mathieu Frisur, der zu Recht für diese Rolle einen Oscar bekommen hat. Wobei sich sein Part über weite Strecken auf denselben stoischen Gesichtsausdruck beschränkt. Dennoch beherrscht er jede Szene in der er auftritt alleine durch seine Präsenz. Auch die übrigen Protagonisten bestechen nicht gerade durch überschwänglichen Wortanteil oder große Mimik. Aber diese stoischen Typen passen genau in die düstere lakonische Stimmung dieses Spätwesterns.

Wer große Erklärungen erwartet oder fein zuende gesponnene Handlungsstränge, wird enttäuscht sein. Das ist auch einer der wenigen Kritikpunkte – gegen Ende hin zerfasert die Story zusehends und löst sich fast auf, Protagonisten sterben unvermittelt, der anfangs sehr gradlinige Erzählfluss verliert sich im Nichts . Genau das ist zwar Kalkül, macht es aber nicht wirklich besser. Aber die Story ist hier auch nicht der Mittelpunkt – No Country for Old Men lebt von der Stimmung, den Figuren, der Atmosphäre, grandios in Szene gesetzt. Großes Kino.

No Country for Old Men, USA 2007 – deutscher Kinostart: 28.02.2008
9/10 Punkte

American Gangster

“They stop bringing dope into this country, and about a hundred thousand people are gonna be out of a job.”

American Gangster erzählt die Geschichte von Frank Lucas (Denzel Washington), einem Schwarzen aus Harlem, der Anfang der 70er zum Drogenkönig von New York avanciert und sogar die italienische Mafia für sich arbeiten läßt. Auf der anderen Seite steht Polizist Richie Roberts (Russell Crowe), der als unbestechlicher Drogenfahnder nicht nur alles daran setzt, den in der Öffentlichkeit unscheinbaren Lucas dingfest zu machen, sondern auch noch gegen Korruption in den eigenen Reihen kämpfen muss (am Ende der auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte werden zwei Drittel von New Yorks Drogenfahndern wegen Bestechlichkeit verhaftet oder suspendiert).

Zwar lässt Regisseur Ridley Scott schon in der ersten Szene, in der Lucas einen Gegner mit Benzin überschütten lässt und kaltblütig anzündet, keinen Zweifel daran, dass Lucas ein skrupelloser Killer ist. Im weiteren Verlauf wird Lucas dann aber über weite Strecken als “Gentleman-Gangster” in feinem Zwirn dargestellt, der zu Thanksgiving Truthähne an Harlems Unterschicht verteilen lässt, sich ansonsten elegant durch die Szenen bewegt, und nur in “berechtigten” Situationen Gewalt anwendet. Die Leute, die er umbringt, haben es auch nicht besser verdient, so scheint es. Denzel Washington spielt Lucas als eine Identifikationsfigur mit Prinzipien und Werten, was bei einem Verbrecher, der seine Millionen auf Kosten tausender Drogentoter gemacht hat, zumindest fragwürdig erscheint. Scott zeigt in einer kurzen Szenenfolge zwar, was der Stoff bei den Süchtigen anrichtet (sehr plakativ mit toter Junkiemutter und schreiendem Baby), aber das bleibt ein kurzes Schlaglicht in den zweieinhalb Stunden Gangsterepos, die Drogenszene wirkt ansonsten eher wie Modeerscheinung der 70er wie Schlaghosen oder Vokuhila-Frisuren. Zur Glorifizierung des Gangsters passt, dass der echte Frank Lucas angeblich dem Filmteam in beratender Funktion zur Seite stand (ein lesenswertes Portrait des echten Frank Lucas, das auch als Vorlage für die Verfilmung diente, erschien 2000 im New York Magazine)

Auf der Positivseite steht, dass Ridley Scott über die ganzen 157 Minuten halbwegs zu unterhalten weiß. Die Geschichte braucht anfangs etwas, um in Bewegung zu kommen, aber trotz einiger Längen kommt nicht wirklich Langeweile auf. Man fragt sich aber bei einigen Szenen, warum diese denn nun so unabdingbar gewesen sind (die ganze Backstory um die geschiedene Ehefrau von Detective Roberts und den Sorgerechtsprozess z.B.), während man über den Kern der Geschichte, den Aufstieg von Lucas als Boss der Drogenbosse, in den ganzen zweieinhalb Stunden erstaunlich wenig erfährt. Anfangs ist er nur der Fahrer einer mittleren Kiezgröße, aber alleine durch die Idee, Heroin in Soldatensärgen direkt aus Vietnam zu importieren, ist er auf einmal superreich und die schwarze graue Eminenz in New Yorks Unterwelt.

Dennoch, Scott weiss zu unterhalten, und die teilweise etwas holprige Story in eine glaubwürdige Atmosphäre einzutauchen: New Yorks Straßen sind von 70er Jahre Schlitten bevölkert, frisuren- und klamottentechnisch könnte alles auch eine Folge von “Shaft” sein, alles wirkt sehr authentisch und ist mit passendem R’n’B Soundtrack unterlegt. Auch die Figuren sind gut besetzt, in den Nebenrollen gefällt vor allem Josh Brolin als schmieriger und korrupter Detective Trupo. Wer auf Mafia-Epen wie Scarface oder Once upon a Time in America steht, wird auch an American Gangster Gefallen finden.

American Gangster, USA 2007 – deutscher Kinostart: 15.11.2007
6/10 Punkte

300

“Submission – now that’s a bit of a problem” – Leonidas

Schon mit Sin City wurde ein Frank Miller Comic in einem sensationell neuen visuellen Stil verfilmt, ähnliches ist mit 300 gelungen: Die Bildsprache ist eine artifizielle Mischung aus Max Payne, Troja, Sin City. In ihrer Kombination neu und beeindruckend, aber in ihren Stilelementen dann doch wieder auf ganz alte Vorbilder zurückgreifend, nennen wir es eine “leicht” faschistoide Riefenstahl Optik.

Die Story ist schnell erzählt: Die Persische Armee unter dem Gottkönig Xerxes droht, ganz Griechenland zu besetzen. Ganz Griechenland? Nein! Der unbeugsame Stamm der Gallier Spartiaten widersetzt sich der persischen Übermacht – Spartas König Leonidas (Gerard Butler) versucht mit seinen 300 besten Kriegern die übermächtigen Perser bei den Thermopylen (oder auch “hot gates” für unsere des alt-griechischen nicht mächtigen amerikanischen Kinofreunde) aufzuhalten. Wer es genauer wissen will, kanns bei Herodot nachlesen, aber ehrlich gesagt ist die Story nicht wirklich wichtig – bei 300 geht es vor allem um opulente Optik: Eine extrem stylisierte Darstellung – Slow-Motion, Regen-, Schnee- und Blutgestöber, wehende Fahnen, blitzende Schwerter, Licht und Schatten, perfekte Körper, schöne Frauen, edle Kämpfer, brutalste Kampfszenen und Massenschlachten. Wenn Leni Riefenstahl heute Hollywood-Filme produzieren würde, würde das vermutlich so aussehen.

Untermalt mit theatralischem Sound und bedeutungsschwangerer Off-Stimme wird die Geschichte dominiert von den ganz großen Motiven wie Heldentum, Ehre, Hybris, Verrat und Opfer – das alles ist dermaßen überhöht, dass es eigentlich ins Groteske abrutschen müsste. Aber Regisseur Zack Snyder schafft es, dass trotz triefendem Pathos das ganze extrem sehenswert und unterhaltsam bleibt, ohne allzu peinlich zu werden.

Viel ist über vermeintlichen Rassismus oder Parallelen zum Iran-Konflikt oder wahlweise Irak-Krieg geschrieben worden (sehr schön auch: 300 sei “anti-islamisch, obwohl es den Islam damals noch gar nicht gegeben hat”). Das meiste davon halte ich für völlig überinterpretiert. Der Film ist kriegsverherrlichend, keine Frage, ehrlich gesagt sogar so ziemlich das kriegsverherrlichenste, was ich seit sehr langem gesehen habe. Aber weder eignen sich die Spartiaten als Identifikationsfiguren für die USA (so militaristisch haben selbst die Neo-Cons die USA noch nicht umgekrempelt), noch kann man Persien als historischen Gegner Spartas einfach gegen einen Fantasiegegner a la “Elbonia” austauschen, nur um ja niemandem im Nahen Osten auf die Füße zu treten. Und ja, natürlich kommen die Perser schlecht weg, schließlich wird die Geschichte aus Sicht Spartas erzählt (bzw. aus der Sicht von Herodot, der als Grieche nicht gerade die ausgewogenste aller Geschichtsschreibungen abgeliefert hat, bzw. aus der Sicht von Frank Miller, der als Comickünstler auch nicht gerade zur feinsinnigen Differenzierung neigt). Der Vorwurf der Iran-Feindlichkeit ist geradezu grotesk. Eine Verfilmung von – sagen wir – Caesars Feldzug quer durch Europa würde auch nicht gerade ein menschenfreundliches Licht auf die römische Geschichte werfen, ohne dass jemand daraufhin gleich “Italienfeindlichkeit” schreien würde. Abgesehen davon wage ich zu bezweifeln, dass sehr viele Amerikaner wissen, was Persien und der Iran gemeinsam haben, schon von daher taugt 300 nicht gerade als Propagandawerk zum Feldzug gegen die Mullahs.

Selbstverständlich kann man Aussagen wie “Freedom is’nt free at all. It comes with the highest of cost, the cost of blood” als Ansage für den Krieg gegen den Terror verstehen. Andererseits – in ein vor Symbolik strotzendes Machwerk wie 300 kann man vermutlich so ziemlich alles reininterpretieren, Rassismus, Faschismus, Freiheitskampf, Heldentum, whatever, alles eine Frage der Perspektive und weniger der tatsächlichen Botschaft des Films. Letztendlich ist 300 wohl weder das eine noch das andere, sondern vor allem eine opulente Schlachtplatte, nicht mehr und nicht weniger.

Was mir sonst noch so auffiel:

  • Ferengi in Alt-Griechenland: Die korrupten Ephoren wirken in Optik und Mimik wie aus Star Trek nach Sparta gebeamte Ferengis. Und die Spartaner haben auch das eine oder andere von den Klingonen abgeschaut (oder Gene Roddenberry von Herodot, whatever).
  • Speaking of Star Trek: Xerxes (Rodrigo Santoro) könnte ein Bruder von Nemesis-Bösewicht Shinzon sein. Mit ein paar Piercings mehr wäre er aber auch als Hellraiser durchgegangen.
  • “Rated R for graphic battle sequences throughout, some sexuality and nudity.” Äh, ja, graphic battle scenes, kann man wohl sagen: abgeschlagene Köpfe und Gliedmaßen, Schwerter im Auge, Berge aus Leichen, das is wohl richtig. Aber mindestens genauso schlimm sind natürlich die entblößten weiblichen Brüste, die in einigen Szenen prominent in Szene gesetzt werden, schon klar (by the way: hübsche Frauen hats in Sparta, z.B. Lena Headey).
  • So amüsant es auch ist, das Leonidas erklärt, er könne gerade nicht vor Xerxes niederknien, weil sein Knie von den vormittäglichen Kämpfen etwas steif geworden ist, oder das er zu den Friedensverhandlungen geht mit den Worten “We can be civil, can’t we?”, während seine Männer um ihn rum die verletzten Perser abstechen – diese humorigen one-liner, ohne die kein Action-Reißer mehr auskommt, wirken hier etwas deplatziert. Naja, zumindest hat er Xerxes nicht mit “Yippie-Ya-Yeah, Schweinebacke” oder “Hasta la vista, Baby” begrüßt.
  • Der Soundtrack war mal eine innovative Mischung aus klassischem theatralischem Orchestergetöse und harten Gitarrenriffs, hat man in dieser Form noch nicht so oft gehört.
  • Nachdem ich den ganzen Film über einen endlosen Schlußkampf à la Troja oder Matrix Reloaded befürchtet hatte, der CGI-mäßig ins unerträgliche gezogen wird, war der Showdown dann doch überraschend prägnant und kurz. Von dieser Schlacht könnten sich (oha, Metaphern-Alarm) einige Hollywood-Schinken eine Scheibe abschneiden.
300, USA 2007 – deutscher DVD Start: 10. August 2007
6/10 Punkte