Seven Pounds (Sieben Leben)

“In seven days, God created the world. And in seven seconds, I shattered mine”. Und sieben Punkte bekommt dieser Film.

Will Smith wechselt immer wieder zwischen Blockbuster und “anspruchsvollem” Film, nach Men in Black und I Robot drehte er den oscar-nominierten The Pursuit of Happiness, nach Hancock und I am Legend jetzt das Melodram Seven Pounds. Leider nimmt er damit auch sein Men in Black Proll-Publikum mit in die leiseren Filme, was das Kinoerlebnis ein wenig schmälern kann.

Man sollte Sieben Leben am besten schauen, ohne etwas über die Geschichte zu kennen, weil der Film davon lebt, dass sich die Story langsam dem Zuschauer erschließt. Das ist leider etwas schwierig, wenn ein Laberkopf drei Plätze weiter die Pointe gleich zu Beginn seinem Kumpel lautstark ausplaudert. Daher sei hier nicht zuviel verraten, nur soviel: Ben Thomas (Will Smith) hat es in der Hand, sieben Leben zu retten, und macht sich auf die Suche nach den richtigen Personen, die eine Rettung verdient haben. Hintergrund ist eine große Schuld, die er auf sich geladen hat und damit tilgen will. Der deutsche Titel “Sieben Leben” verrät dabei schon fast zuviel, im Original heißt es deutlich mysteriöser “Seven Pounds” (was sich nur erschließt wenn man weiß, dass das eine Anspielung auf Shakespeares Kaufmann von Venedig sein soll).

Das etwas konstruierte Setting liefert Material für eine ganze Reihe von interessanten moralischen Fragen. Z.B. ob sich ein Mensch anmaßen darf, Gott zu spielen und zu entscheiden, wer weiterleben darf und wer nicht. Oder ob die vermeintliche Rettung eines Menschen tatsächlich alle Probleme löst, oder in Konsequenz viel größere Probleme nach sich ziehen kann. Sieben Leben konzentriert sich allerdings vor allem auf die schlichte Frage, wen man retten würde, wenn man entscheiden muss. Und was passiert, wenn der Retter sich in die ausgewählte Person verliebt, und zwischen Liebe und Rettung entscheiden muss. Damit ist das ganze eher Liebesgeschichte und persönliches Schulddrama als differenziertes moralisches Lehrstück.

Was der Film sehr gut macht, ist nicht alles todzuerklären, dabei aber genug Material zu liefern, um den Zuschauer selbst die Puzzlestücke zusammenfügen zu lassen. Die Story hat bei näherem Hinterfragen sicher ein paar kleine Ungereimheiten, ist aber letztlich eine schlüssige Geschichte.

Will Smith ist mal wieder sehr überzeugend. Faszinierend an Smith ist, dass er in so unterschiedlichen Settings wie I am Legend, Hitch, Men in Black oder Pursuit of Happiness glaubwürdig rüberkommt und diese sehr unterschiedlichen Rollen ausfüllen kann, er aber in jeder Rolle, sei es als charmanter Date-Doktor, letzter Erdbewohner oder cooler Alien-Jäger, immer im Kern klar als Will Smith erkennbar bleibt. Er läuft allerdings Gefahr, ein wenig zu oft mit traurigem Dackelblick in die Kamera zu schauen und damit in die Fußstapfen von Nicolas Cage zu treten, bei dem das mittlerweile nur noch nervt. Rosario Dawson harmoniert als weibliche Hauptrolle gut mit Smith, und sieht auch totkrank-blass geschminkt bezaubernd aus.

Amerikaner neigen in Melodramen nicht gerade zu europäischer Subtilität und teilen in die Emotionen auch gerne mit großer Kelle aus. Auch Seven Pounds drückt kräftig auf die Tränendrüse. Das kann man als unerträglich rührseligen Kitsch abtun. Man kann sich aber auch einfach drauf einlassen und den Film genießen. Was allerdings etwas schwer ist, wenn in derselben Kinoreihe zwei Laberköpfe jede Szene lautstark kommentieren müssen, weil Will Smith hier keine Aliens jagt und die Action zu kurz kommt.

Regisseur Gabriele Muccino wählt ein dem Thema sehr angemessenes ruhiges Erzähltempo ohne Knalleffekte. Allerdings hätte man zwischenzeitlich durchaus ein paar Minuten herauskürzen können. Nachdem im letzten Viertel immer noch nur fünf zu rettende Personen feststehen, hab ich mich bei der Frage ertappt, wann denn endlich die letzten beiden kommen, um dem Filmtitel gerecht zu werden, und unter 100 Minuten Spielzeit zu bleiben. Klärt sich aber zum Glück dann zeitnah auf.

Die Moral von der Geschichte: Keine Blackberries am Steuer benutzen, und ruhigere Will-Smith-Filme demnächst vielleicht doch lieber im Heimkino statt im großen Saal voller Laberköpfe schauen.

Seven Pounds (Sieben Leben), USA 2008 – deutscher Kinostart: 8.1.2009
7/10 Punkte

Atonement (Abbitte)

“The story can resume”

So blutleer und beliebig wie Die Liebe in Zeiten der Cholera war, so tief und emotional und glaubwürdig ist Atonement. Es geht um die ganz großen Gefühle und Dramen, um große Schuld und die Frage, ob man es wieder gut machen kann, wenn man das Leben zweier Personen absichtlich zerstört hat – das alles erzählt ohne kitschig oder unglaubwürdig zu werden.

Die Geschichte beginnt kurz vor dem zweiten Weltkrieg auf dem Landsitz einer wohlhabenden englischen Familie. Cecilia (Keiry Knightley) und ihre jüngere Schwester Briony (Saoirse Ronan) kämpfen mit den Problemen des Heranwachsens und der ersten Liebe. Cecilia hat eine heimliche Zuneigung zu Robert (James McAvoy), dem Sohn der Hausmeisterfamilie. Es scheint sich alles zum Guten zu wenden: Robert plant – unterstützt von Cecilias Familie – Medizin zu studieren und Karriere zu machen, und eines Abends gestehen sich die beiden ihre Liebe. Doch in diesem perfekten Augenblick bricht das Unheil ein. Durch unglückliche Umstände, vor allem aber durch eine Intrige der eifersüchtigen kleinen Schwester Briony wird von jetzt auf gleich alles zerstört. Robert wird wegen angeblicher Vergewaltigung ins Gefängnis gesperrt und die Zukunftsträume von Robert und Cecilia werden zunichte gemacht.

Die Geschichte, die als klassisches englisches Gentry Drama auf dem Lande im Stil einer Merchant/Ivory Produktion beginnt, verändert auf einmal komplett die Tonlage: Robert ist nach Ausbruch des 2. Weltkrieges aus dem Gefängnis entlassen worden, um als Soldat in Frankreich gegen die Deutschen zu kämpfen – auch Cecilia und Briony haben das englischen Landhaus-Idyll verlassen und arbeiten als Krankenschwestern im Lazarett. Wo es eben noch um jugendliche Liebeleien ging, sehen wir jetzt schmutzige Bilder aus dem Kriegsalltag, Verwundete, Tote.

James Mc Avoy, der schon in Last King of Scotland eine beeindruckende Performance ablieferte, ist perfekt besetzt. Keira Knightley ist süß wie immer. Erstklassig besetzt sind auch die Nebenrollen – dabei sind es gar nicht mal die großen Namen wie Vanessa Redgrave, auch die Besetzung der Kinder-Rollen ist on spot.

Regisseur Joe Wright erzählt die Geschichte in beeindruckend schönen Bilder zwischen englischer Landschaft und Kriegschaos in Dünkirchen, wundervoll arrangiert und mit beeindruckender Kameraarbeit eingefangen.
Der Film arbeitet immer wieder mit ein paar szenischen Tricks und Gimmicks, so sehen wir dieselbe Szene hintereinander aus verschiedenen Perspektiven, oder Realität und (Wahn-)Vorstellung gehen fließend ineinander über. Aber das wirkt alles passend und unaufgesetzt und fügt sich nahtlos in die Geschichte ein.

In einer Szene in Dünkirchen, wo die englischen Truppen im Chaos auf den Transport zurück nach England warten, gelingt eine absolut beeindruckend virtuose Einstellung, in der Robert und seine drei Kollegen sich durch die Wirren des Geländes schlagen, zwischen tausenden Soldaten am Strand, brennenden Ruinen, Soldaten auf Kirmeskarussels, einem Riesenrad im Hintergrund, Pferden, die den Gnadenschuß erhalten, einer Gruppe andächtig singender Soldaten im Strandpavillion – über der surrealen Umgebung kreist die Kamera in einer fünfminütigen Fahrt ohne Schnitt.

Unterstützt wird die Atmosphäre durch einen stimmungsvollen Soundtrack, der absolut zu den Bildern passt und dafür auch zu Recht einen Oscar bekommen hat. Und da ich zum Glück vorher weder das Buch kannte, noch verspoilerte Kritiken gelesen hatte, hat mich das Ende, in dem alles nochmal eine komplett andere Bedeutung bekommt, nicht nur überrascht sondern tief beeindruckt.

Ganz großes Kino.

Atonement (Abbitte), Großbritannien 2007 – deutscher Kinostart: 08.11.2007
10/10 Punkte

Love in the Time of Cholera (Die Liebe in den Zeiten der Cholera)

“Er ist kein Mensch – er ist ein Schatten” – Fermina, das Problem mit den Charakteren in diesem Film auf den Punkt bringend.

Die Verfilmung des Nobelpreis-gekrönten Werkes von Gabriel García Márquez sieht genau so aus, wie man sich das bei einer Literaturverfilmung a la Geisterhaus vorstellt: Ein großer Kostümfilm mit aufwändiger Ausstattung, zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren und epischer Handlung, die mehrere Jahrzehnte durchschreitet.

Der Kern der Story wird bereits in der Eingangsszene erklärt: Florentino Ariza (Javier Bardem) ist seit seiner Jugend unsterblich in Fermina (Giovanna Mezzogiorno) verliebt. Doch die heiratet den Arzt Juvenal Urbino (Benjamin Bratt), der eher ihrem Stand entspricht. Und so wartet Florentino jahrzehnte darauf, dass Ferminas Mann stirbt, damit er doch noch zum Zug kommt.

Leider schafft es Regisseur Mike Newell nicht, die Motivation der Handelnden, sich im Verlauf der Geschichte für den einen oder den anderen Weg entscheiden, glaubwürdig rüberzubringen. Getragen von hölzernen, gestelzten Dialogen verlieben sich die Hauptdarsteller mal spontan ineinander, und überlegen es sich später abrupt anders, ohne das die Story die eine wie die andere Entwicklung glaubwürdig vor- oder nachgezeichnet hätte. Die Charaktere bleiben blass und blutleer, alles wirkt sehr beliebig und konstruiert.

Auch kann sich der Film nicht ganz entscheiden, ob er ernstes Melodrama oder leichtfüßige Liebesgeschichte sein will: Um sich das Warten auf Fermina zu verkürzen, schläft Florentino in den nächsten 50 Jahren mit über 600 Frauen. Die Darstellung dieser Affären Florentinos gleitet immer wieder ins Komödienhafte ab, wobei nicht ganz klar ist, ob das freiwillig oder unfreiwillig ist. In Verbindung mit der zugrundeliegenden eher tragischen Liebesgeschichte wirkt das alles sehr unausgegoren. Alles geschieht irgendwie aus heiterem Himmel ohne nachvollziehbaren Hintergrund oder Konsequenz.

Javier Bardem, gerade für seine Darstellung eines wahnsinnigen Killers in No Country for Old Men mit dem Oscar ausgezeichnet, bleibt hier deutlich unter seinen Möglichkeiten. Der junge Florentino wirkt wie die Parodie eines schüchternen verliebten Jünglings, und der alte Florentino erstickt unter zentnerschwerem Makeup. Überhaupt ist das Alter der Protagonisten sehr unglaubwürdig dargestellt: Der Vater von Fermina könnte genauso gut ihr Mann sein, Florentino altert von einer Szene zur anderen schlagartig, während seine Angebetete Fermina weiterhin jugendlich schön erstrahlt, und am Ende wirkt das ganze Ensemble wie eine Gruppe Jungschauspieler die mit Grauhaar-Perücken und krummen Gang ein Altersheim darzustellen versucht.

Ein Lichtblick ist Giovanna Mezzogiorno als bildhübsche Fermina, die ein wenig wie die junge Jodie Foster aussieht. Dafür hat die Mutter von Florentino (Fernanda Montenegro) frappierende Ähnlichkeit mit Inge Meysel – und spielt auch so.

Was bleibt sind wirklich schöne Bilder, Kostüme, Landschaften, wie es sich für eine große Literaturverfilmung gehört. Der koloniale Glanz Kolumbiens und seine beeindruckende Natur bilden eine standesgemäße Kulisse für die epische Geschichte. Das ganze natürlich auf über 130 Minuten aufgeblasen. Schade, dass die Story keinen wirklichen Spannungsbogen aufbaut. Die Geschichte mäandert vor sich hin, und weil man den Ausgang schon in der ersten Szene zu sehen bekommt, passiert in den folgenen zwei Stunden auch wenig überrraschendes. Der Shakira-lastige Soundtrack ist ganz stilecht, reißt aber auch nicht wirklich mit.

Vielleicht wäre doch die Verfilmung dieses Titels spannender geworden.

Love in the Time of Cholera (Die Liebe in den Zeiten der Cholera), USA 2007 – deutscher Kinostart: 21.02.2008
4/10 Punkte

The Last King of Scotland

“You’re a child. That’s what makes you so fucking scary.”

Der König von Schottland verbindet die reale Geschichte der ugandischen Terrorherrschaft Idi Amins mit einer fiktiven Handlung um den jungen Arzt Nicholas Garrigan (James McAvoy). Garrigan geht Anfang der 70er Jahre als Entwicklungshelfer nach Uganda, um seinem spießigen Elternhaus in Schottland zu entkommen. Durch Zufall lernt er den gerade an die Macht geputschten Diktator Idi Amin kennen, der nach einem Autounfall ärztlich behandelt werden muss. Amin ist begeistert von der Unbekümmertheit Garrisons und macht ihn zu seinem Leibarzt und engen Vertrauten.

Anfangs fasziniert von Amins Volksnähe und Charisma, bemerkt Garrigan im Laufe der Zeit, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat – Amins Volksnähe ist nur Fassade, hinter der sich ein brutales Terrorregime verbirgt. Amin läßt politische Gegner gnadenlos verfolgen, schreckt auch vor Säuberungen in den eigenen Reihen nicht zurück und wirtschaftet das Land zugrunde. Garrigan versucht, seinen Einfluß zu nutzen, um einige Auswüchse zu verhindern, merkt aber schnell, dass der Diktator unberechenbar ist und ihn nur als “white monkey” am Hofe hält. Als Garrigan den Entschluß faßt, Uganda zu verlassen, um nicht weiter in die Verstrickungen des Regimes zu geraten, macht Amin ihm klar, dass es kein Zurück gibt.

Forest Whitaker spielt in jeder Szene absolut glaubwürdig den zwischen Kumpelhaftigkeit, Paranoia und Wahnsinn schwankenden ugandischen Diktator, der sich in Sekunden vom warmherzigen Freund zum brutalen Gewaltherrscher verwandeln kann. In jeder vordergründig harmlosen Szene mit ihm schwingt die Spannung mit, dass das Pulverfaß beim geringsten Auslöser explodieren kann. Auch James McAvoy nimmt man den naiven unbekümmerten Arzt ab, der von der Macht verführt wird und schließlich erkennt, auf was er sich eingelassen hat.

Die Story ist in weiten Teilen vorhersehbar, das zugrundeliegende “Entdecke dein Gewissen-Schema” ist nicht wirklich neu. Überraschende Wendungen sollte man bei einer auf realen Begebenheiten basierenden Geschichte aber auch nicht erwarten: Dass ein Attentatsversuch im Film scheitern muss, ist nicht überraschend wenn man weiss, dass Idi Amin erst lange nach seinem Sturz im saudi-arabischen Exil gestorben ist. Das Drehbuch schafft es dennoch, kontinuierlich Spannung aufzubauen, und hält das Tempo. Zum Ende hin wird es dann etwas arg dramatisch, der Film rutscht vom Polit-Drama in die Action-Liga und schreckt auch vor einigen sehr expliziten Gewaltbildern nicht zurück. Dennoch ein absolut sehenswerter Film mit Oscar-reifer Leistung von Forest Whitaker.

The Last King of Scotland (Der letzte König von Schottland), Großbritannien 2006 – deutscher Kinostart: 15.03.2007
9/10 Punkte

The History Boys (Die History Boys – Fürs Leben lernen)

“Wittgenstein hat sich nichts aus den Eingeweiden gerissen, nur damit Ihr daraus eine Phrase macht.”

Nach der überraschend guten College-Komödie “Accepted” das gleiche Thema nochmal aus einer ganz anderen Perspektive. Auch bei History Boys geht es um die Schwierigkeiten der Aufnahme am College, diesmal aber nicht verpackt als launige amerikanische Komödie sondern als ernstes britisches Drama.

History Boys ist die Adaption eines erfolgreichen Bühnenstückes von Alan Bennett, und die Schauspieler sind größtenteils von der Bühnenversion übernommen worden. Die Geschichte spielt an einem englischen Gymnasium in den frühen Achzigern. Die besten Schüler der Abschlußklasse bereiten sich auf die Aufnahmeprüfung für Oxford und Cambridge vor, und der Schuldirektor, besorgt um das gute Image seiner Schule, engagiert den jungen Cambridge-Absolventen Irwin (Stephen Campbell Moore), der für ein erfolgreiches Abschneiden sorgen soll.

Auf Hollywoodfilme mit Hausfrauen-Tiefsinn a la “Club der Toten Dichter” reagiere ich normalerweise ja sehr allergisch. Aber History Boys hat zumindest den Startvorteil, dass Robin Williams nicht mitspielt (und dass er nicht aus Hollywood kommt).

Bei History Boys ist es nicht der neue Lehrer, der seine Schüler auf einfühlsame Weise abseits der konventionellen Lehrmethoden Bildung vermitteln will, sondern der kurz vor der Pensionierung stehende Lehrer Hector (Richard Griffiths, der in Gestus und Mimik verblüffend an einen übergewichtigen Hellmuth Karasek erinnert). Hector bringt den Jungs eine ganzheitliche aber auch chaotische Mischung aus Literatur, Kunst, Poesie und Geschichte nahe. Ein reicher Zitatenschatz, den er seinen Schülern beibringt, ist der Grundstock seiner humanistischen Rundumbildung.

Nachwuchslehrer Irwin hingegen will die Schüler ganz gezielt auf die Prüfung vorbereiten – Hectors Zitatenschatz ist für Irwin vor allem eine Sammlung von “Häppchen”, mit denen man bei der Prüfung gezielt die Antworten ausschmücken kann, um besser abzuschneiden. Ihm geht es vor allem darum, effizient die Zeit zu nutzen, damit die Schüler die Aufnahmeprüfung bestehen können. Er legt dabei wenig wert auf Fakten und Wahrheit, denn mit allseits bekannten Fakten allein kann man die Prüfungskomission nicht beeindrucken. Vielmehr geht es ihm um Originalität und “spin”, dem man einem Thema mitgeben muss, damit es interessant wird. Da wird dann auch mal Hitler als netter Mann dargestellt, der nur mißverstanden worden sei.

Das alles ist nicht ganz so platt wie es sich auf den ersten Blick anhört, es geht nicht Club-der-toten-Dichter mäßig nur um gute sensible und liebevolle Wissensvermittlung versus böses altmodisches Auswendiglernen der traditionellen Schulausbildung. History Boys zeichnet hier durchaus ein differenzierteres Bild und Irwins Lehransatz kommt nicht nur negativ weg. Dennoch liegen die Symphatien des Autors klar beim chaotischen Hector, der jenseits aller Effizienz aus den Jungen bessere Menschen machen will und sie zur Wahrhaftigkeit verpflichten will (”gedankenvoll und nicht etwa clever”).

Der Film macht nebenbei ein eher …äh… unorthodoxes Statement zum Thema sexuelle Belästigung: Hector hat es zur Routine gemacht, immer einen der Schüler auf seinem Motorrad mitzunehmen und auf der Fahrt in den Schritt zu fassen. Im Film ist allerdings nicht Hector der “Böse”, schließlich haben sich die Schüler mit seiner Art arrangiert und es ist “nichts weiter passiert” (Hector: “Ich habe eigentlich nichts getan. Es war schon eine Art Handauflegen, das bestreite ich nicht, aber mehr im Sinne einer Segnung als einer Befriedigung”). Hector ist der liebenswerte Alte, der seine Triebe nicht mehr ganz im Griff hat. Der Böse in diesem Spiel ist vielmehr Schuldirektor Felix, der aufgrund von eingegangenen Beschwerden Hector vorzeitig in Rente schicken will. Felix wird als spießiger Schwulenhasser dargestellt, dem es vor allen darauf ankommt, dass es in seiner Schule “sauber” zugeht auf Kosten des armen Hector. Man muss nicht gleich in US-amerikanische sexual harassment Hysterie verfallen, um den nonchalanten Umgang des Film mit diesem Thema zumindest fragwürdig zu finden.

Die Geschichte wird getragen von teilweise recht wirren Dialogen – das mag auch an der deutschen Synchronisation liegen oder meiner unzureichenden humanistischen Bildung, aber man merkt dem Autor an, wie bemüht er die Dialoge mit Zitaten, Namen, und cleveren historischen und literarischen Anspielungen spicken wollte. Das ganze ist unterlegt mit einem netten 80er Jahre Soundtrack (Smiths, New Order, Clash etc.), der allerdings nur bedingt zur Geschichte passt, die auch problemlos in andere Jahrzehnte passen würde.

Zum Schluß wirds dann nochmal arg melodramatisch, und man wartet geradezu darauf, dass die Jungs nochmal alle aufstehen und “Captain, mein Captain” rufen. Eigentlich schade, denn bis dahin hatte der Film vor allem dadurch überzeugt, nicht jedes Klischee zu bedienen und die Figuren facettenreich ohne klebriges Gefühlspathos zu zeichnen.

The History Boys, Großbritannien 2006 – deutscher Kinostart: 17.5.2007
4/10 Punkte

Gran Torino

“Ever noticed how you come across somebody once in a while you shouldn’t have fucked with? – That’s me.”

Nachdem Clint Eastwood mit Million Dollar Baby eigentlich angekündigt hatte, dass dies seine letzte Rolle vor der Kamera sein sollte, hat er für seinen nächsten Film Gran Torino doch wieder die Hauptrolle übernommen. Eine gute Entscheidung, denn die Rolle des knorrigen alten Mannes ist ihm auf den Leib geschrieben: Walt Kowalski (Clint Eastwood) lebt verbittert als Witwer alleine in einem Detroiter Vorort. Seine Söhne, Schwiegertöchter und Enkel sind eher daran interessiert, was es beim Alten noch zu holen gibt als an seinem Leben. Die Zeiten sind schlecht und die einst gutsituierte Wohngegend verkommt. Für Kowalksi ein sicheres Zeichen des Verfalls ist, dass in der Nachbarschaft immer mehr Asiaten einziehen, die im Hof Hühner schlachten und den Garten nicht in amerikanischer Ordnung halten. Und auf den Straßen machen sich Gangs breit.

Walt war im Korea-Krieg, und die grausamen Kriegserlebnisse haben seine Einstellung gegenüber Asiaten geprägt. Er hat Jahrzehnte bei Ford gearbeitet und sieht mit Verachtung auf den Toyota, den sein Sohn gekauft hat. Die asiatische Großfamilie, die ins Nachbarhaus einzieht, wird von ihm entsprechend mürrisch und mißtrauisch beobachtet. Umso mehr, als der Sohn seinen ganze Stolz, einen alten Ford Gran Torino stehlen will. Aber die bedrohliche Außenwelt der Straßengangs sorgt dafür, dass sich ungewöhnliche Allianzen bilden und Walt sich mit den neuen Nachbarn arrangieren muss.

Amerikanische Vororte scheinen gefährlicher zu sein als ein Kriegsgebiet im Nahen Osten: Schwarze gegen Weiße, Asiaten gegen Hispanics, und mittendrin Eastwood als traditionsverhafteter Amerikaner, der sich mit den neuen Spielregeln nicht abfinden will. Die sich abzeichnenden Konflikte entwickeln sich in eine schön unorthodoxe Richtung. Das Spiel mit Rassismus, Vorurteilen und ethnischen Konflikten, dass jenseits aller political correctness ungewöhnliche Rollenverteilungen erlaubt, erinnert stark an L.A. Crash oder Lakeview Terrace. Allerdings ist der Umgang mit Klischees und Vorurteilen hier nicht immer sehr subtil, Eastwood bringt seinen Punkt auch gerne mal sehr direkt vor. Aber gerade die eher grobschlächtigen Dialoge zwischen grumpy old white man Eastwood und der smarten asiatischen Nachbarstochter (Ahney Her) sind sehr charmant umgesetzt und sorgen für ein paar Lacher in der anfänglich so bedrohlichen Vororthölle. Und es macht großen Spaß, den verbitterten Walt auftauen zu sehen. Was sich zwischenzeitlich fast zu einer eher launigen Komödie zu entwickeln scheint, eskaliert dann schließlich doch zu einem handfesten Drama – die zarten Bande zwischen den Nachbarn werden zerrissen durch den brutalen Bandenterror.

Ein wenig sauer stößt die Botschaft auf, dass man sich und sein Haus in Amerika nur durch eigene Waffen verteidigen kann. In den Schlüsselszenen sieht man Walt mit einem Revolver Gang-Mitglieder in die Schranken weisen, und der Film macht an diesen Stellen keinen Hehl daraus, dass dies die einzige Möglichkeit sei, sich in dieser Gesellschaft zur Wehr zu setzen. Glücklicherweise rettet die Schlußpointe das Ganze vor einer allzu offensichtlichen Agitation für Waffenbesitz.

Verblüffend, dass der Film bei den Oscars komplett ignoriert wurde. Man kann nicht gerade behaupten, dass Eastwood eine große schauspielerische Bandbreite hat, auch hier ist es der knorrige alte Mann, der verbittert durchs Leben schreitet. Aber in dieser Rolle ist Eastwood immer wieder brillant. Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller Eastwood hat es sich auch nicht nehmen lassen, beim Titelsong selber mitzusingen (auch wenn die Credits anderes behaupten), was bei seiner krächzigen Stimme allerdings ein wenig unfreiwillig komisch klingt. Auch wenn der von Eastwood mitkomponierte Song ansonsten großartig ist.

Gran Torino, USA 2008 – deutscher Kinostart: 5.03.2009
9/10 Punkte

In the Valley of Elah (Im Tal von Elah)

“They shouldn’t send heroes to places like Iraq – everything there is fucked up”

Paul Haggis, den ich seit dem Meisterwerk L.A. Crash sehr schätze, hat auch in seinem neuen Film nicht nur Regie geführt und produziert, sondern auch das Drehbuch geschrieben. Die Geschichte basiert auf mehreren wahren Begebenheiten im Umfeld des Irak-Krieges, die Haggis geschickt zu einer Fabel von Verlust der Unschuld zusammenwebt.

Der junge Soldat Mike Deerfield ist von seinem Einsatz im Irak zurückgekehrt und dann plötzlich verschwunden. Sein Vater Hank (Tommy Lee Jones), ein alter Vietnam-Veteran, macht sich auf die Suche nach ihm. Hank ist ein Patriot, Ex-Militärpolizist, und hat bereits einen Sohn verloren, der während des Militärdienstes umgekommen ist. Zusammen mit der Polizistin Emily Sanders (Charlize Theron) versucht Hank das Verschwinden von Mike aufzuklären und stößt dabei auf Widerstände bei den Armeebehörden.

Die Geschichte erinnert zunächst stark an Eine Frage der Ehre und ähnliche Militär-Justizdramen: Auch hier geht es um ein vertuschtes Verbrechen unter Soldaten, auch hier versuchen die Protagonisten über weite Strecken des Films, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und die Wahrheit herauszufinden, auch hier werden sie scheinbar behindert durch eine Verschwörung bis in die oberen Ränge. Letzlich nimmt die Geschichte aber dann doch eine ganz andere Wendung.

Hank finded das Handy seines Sohnes in der Kaserne. Die Daten auf dem Handy sind weitgehend zerstört, aber Hank beauftragt einen Hacker, der die Fotos und Videos rekonstruieren soll. Passend für die Dramaturgie des Filmes kann der Hacker aber nur nach und nach die Videos wiederherstellen, so dass wir den Film über immer wieder einzelne Szenen aus dem Irak sehen, die mehr und mehr Licht ins Dunkel bringen. Das wirkt genauso konstruiert wie es sich anhört, hier hätte sich das Drehbuch besser einen nicht ganz so platten Kniff einfallen lassen.

Der Film hat ein sehr ruhiges Erzähltempo, einzig die pixeligen Videoszenen aus dem Irak haben ein wenig Action-Charakter. Haggis lässt sich und seinen Protagonisten viel Zeit, auf die Spur der Ereignisse im Irak und danach zu kommen. Streckenweise zu viel Zeit, die Geschichte hat ein paar Längen und Haggis läßt die Zuschauer sehr lange im Dunkeln tappen, während die Ermittlungen nur zäh vorangehen. Er schafft es jedoch, über weite Strecken eine sehr dichte Atmosphäre zu erhalten und seine Figuren äußerst authentisch wirken zu lassen. Das liegt nicht zuletzt and der hochkarätigen Besetzung: Neben Tommy Lee Jones (für seine Rolle Oscar-nominiert), und Charlize Theron (die ich mit dunklen Haaren kaum wiedererkannt habe) sieht man auch in den Nebenrollen bekannte Gesichter wie Susan Sarandon, James Franco oder Josh Brolin, der scheinbar nur noch prolligschmierige Typen mit Schnurrbart spielen darf.

In the Valley of Elah ist als einer der großen Anti-Irak-Filme angekündigt worden. Haggis beschäftigt sich aber weniger mit der Frage, ob der Irak-Krieg richtig oder falsch ist, sondern zeigt viel allgemeiner, was der brutale Kriegsalltag, der ganz anders ist als die saubere Propaganda mit wehenden Fahnen und heroischen Einsätzen, aus jungen unvorbereiteten Soldaten macht.

Das Tal von Elah ist nicht im Irak, sondern der biblische Ort, an dem David den Riesen Goliath besiegt hat. Die Parabel steht hier nicht für den Sieg des Kleinen über den Großen, sondern für den verantwortungslosen König, der den jungen unschuldigen David in eine viel zu große Rüstung steckt, und in einen Kampf gegen einen übermächtigen Gegner schickt.

Krieg ist die Hölle, und wer dort einmal war, kommt nicht mehr als normaler Mensch zurück. Diese Aussage ist zwar ein krasser Gegensatz zur amerikanischen Irak-Kriegspropaganda vom sauberen Krieg, aber ist nicht spezifisch gegen den Irak-Krieg gerichtet. Sie gilt letztlich für jeden Krieg, und sei er noch so gerechtfertigt. Denn in jedem Krieg sterben Unschuldige, ist die Kriegsführung auch auf Seiten der “Guten” nicht immer sauber und tun Soldaten Dinge, die sie später bereuen. Das ist zwar alles richtig, aber in dieser Verallgemeinerung dann auch wieder arg beliebig. Dennoch hat der Film in Amerika viel Wirbel verursacht, und sei es nur deswegen, weil der Kanadier Haggis zum Schluß das Sakrileg begeht, die amerikanische Flagge auf den Kopf zu stellen.

In the Valley of Elah (Im Tal von Elah), USA 2007 – deutscher Kinostart: 06.03.2008
7/10 Punkte