Hancock

“Do I look like I care what people think?”

Wie ich desöfteren erwähnt habe, bin ich kein besonderer Fan von Superheldenfilmen. Umso vielversprechender war für mich Hancock, der mit einigen Standards des Genres radikal bricht: Hancock basiert nicht auf einem Marvel- oder DC-Comic, und der Protagonist ist weder besonders gut noch böse, sondern versucht eher lustlos, Kriminelle zu jagen und die Welt zu retten. Da Hancock (Will Smith) dem Alkohol nicht ganz abgeneigt ist, legt er bei seinen Rettungsmissionen oftmals die halbe Stadt in Schutt und Asche. Die Popularitätswerte des griesgrämige Superhelden, der auch gerne mal kleine Kinder beschimpft oder Frauen an den Hintern fasst, sind daher eher begrenzt. Videos seiner brachialen Rettungsaktionen kursieren auf Youtube, und Politiker fordern schon seine Inhaftierung, um weitere Kollateralschäden zu verhindern.

Hier tritt Ray (Jason Bateman) auf den Plan, ein eher mäßig erfolgreicher PR-Berater, den Hancock zufällig vor einem anfahrenden Zug beschützt (indem er den gesamten Güterzug schrottreif macht). Ray entwickelt einen Plan, wie Hancocks Beliebtheit verbessert werden kann, um zum allseits verehrten Superhelden zu avancieren. Er verordnet Hancock bessere Manieren und vor allem ein enganliegendes Latex-Kostüm, damit er auch optisch als strahlender Held wahrgenommen wird.

Dieses Setting hätte eigentlich schon für einen Standard-Hollywood-Blockbuster gereicht: PR-Berater bringt Superheld wieder auf die Beine, nach anfänglichen Erfolgen kommt dann nochmal eine große Sinnkrise des Helden, der sich dann aber wieder berappelt, um einen bösen Schurken im Finalen Showdown zu besiegen und damit die Welt zu retten. Aber ganz so vorhersehbar ist die Story dann doch nicht, recht überraschend taucht auf einmal Superheld Nr. 2 auf und verändert die Spielregeln ein wenig. Grundsätzlich ja begrüßenswert, dass man nicht den Standard-Plot genommen hat, aber ab diesen Zeitpunkt wird die Story ein wenig abstrus für nicht ganz so superhelden-gewohnte Kinobesucher. Ein bisschen hat man storymäßig bei Highlander gewildert, ein wenig auch bei The Incredibles.

Zu den klassischen Elementen eines Superheldenfilms, denen sich auch Hancock trotz aller Besonderheit bedient, gehört eine schlichte, einfach zu verstehende Mechanik, die den Superheldenkosmos ausmacht und die Regeln der Superkräfte definiert: Bei Hancock ist es die Nähe zweier Superhelden – je näher sich zwei Superhelden kommen, desto verwundbarer sind sie. Ist einer verletzt, braucht der andere nur das Weite zu suchen, und mit jedem Meter Distanz wird der Superheld wieder gesund. Funktioniert so einfach wie Schwerkraft oder Dreisatz, wirkt aber als plot device ein klein wenig konstruiert.

Auch wenn Hancock kein klassischer Superheld ist, sind die Charaktere in Hancock eher aus dem Handbuch “Superheldenpsychologie für Anfänger” entnommen: Natürlich ist Hancock nur so grimmig und ein Säufer, weil er einsam ist und geliebt werden will. Und auch die anderen Protagonisten entstammen einem eher schlichten Baukasten. Dennoch, die guten Schauspieler, neben Will Smith vor allem Jason Bateman und Chalize Theron, schaffen es, die holzschnittartigen Charaktere mit Leben zu füllen.

Was Hancock besonders macht, ist die ungewöhnliche Optik: Der Film verläßt sich genre-untypisch nicht auf special effects Orgien. Natürlich sieht man immer mal wieder beeindruckende Explosionen, Verfolgungsjagden durch die Häuserschluchten etc., aber prägend für den visuellen Eindruck sind nicht hektische Action-Szenen, sondern vielmehr ruhige ultra-Großaufnahmen der Protagonisten, gerne auch etwas verwackelt und wild herangezoomt. Diese eher dem Independent-Kino abgeschaute Optik ist, verbunden mit dem ansonsten auf Hollywood Hochglanzniveau herausgeputzten Sets und Effekten, eine beeindruckende visuelle Erfahrung. Dazu kommen zur Abwechslung fein orchestrierte Action-Szenen, in denen bombastische Musik, Action in Ultra-Slow Motion oder Fast Forward, und gut dosierte Special Effects den Zuschauer gefangen nehmen. Regisseur Peter Berg hat damit eine sehenswerte Bildsprache gefunden, die mit Sicherheit von kommenden Hollywood-Blockbustern kopiert werden wird. Nicht ganz unbeteiligt daran wird auch Produzent Michael Mann gewesen sein, der schon in den 80ern als Miami Vice Produzent eine stilbildende Serie verantwortet hat.

Trotz etwas holpriger Geschichte langweilt Hancock dabei nie und macht Spaß bei Zuschauen – was will man mehr von einem Sommer-Blockbuster.

Hancock, USA 2008 – deutscher Kinostart: 03.07.2008
7/10 Punkte

Fantastic Four – Rise of the Silver Surfer

“If we can’t stop this, if it’s really the end of the world… how are you going to spend your last few minutes?” – nun, sicher nicht mit diesem eher belanglosen Film.

New York scheint eine Stadt der Superhelden zu sein. In Spiderman 3 war Peter Parker der Star der Stadt, inkl. Merchandising-Produkten und Spiderman-Paraden, nun sind die Marvel-Kollegen “Fantastic Four” New Yorks Superstars: Nachdem die fantastischen Vier im ersten Teil Dr. Doom besiegt haben, werden sie nun von den Medien gefeiert, ihre Uniformen sind mit Sponsoren-Logos übersäht, und die ganze Stadt wartet auf den gesellschaftlichen Höhepunkt, der Heirat von Reed Richards alias Mr. Fantastic (Ioan Gruffudd) und Sue Storm, der Unsichbaren (Jessica Alba).

Natürlich kann das nicht lange gutgehen, denn am Horizont zeichnet sich eine neue Bedrohung ab: Der Silver Surfer, ein T-1000-artiges Wesen mit Surfbrett, treibt überall auf der Welt riesige Löcher in die Erdoberfläche, und sorgt damit u.a. dafür, dass die Themse in London mit einem Schlag trockengelegt wird. Noch nicht abstrus genug? Ok, geht noch weiter: Der Surfer ist gar nicht der eigentliche Bösewicht, sondern nur der Vorbote einer bösen schwarzen Masse (hmm, hatten wir doch auch schon in Spiderman 3) namens “Galactus”, die ganze Planeten verspeist. Daher auch die Löcher in der Erde, damit Galactus die Energie aus dem Erdinneren aussaugen kann (wtf?).

Die Story ist selbst für Superheldenniveau etwas sehr fantastisch, aber was solls – dass wir hier einem deutschen Autorenfilm beiwohnen, hat ja auch niemand erwartet (obwohl das ganze ja eine Bernd Eichinger Produktion ist). Was ganz gut funktioniert sind die Szenen der Fantastischen Vier untereinander, die mit der nötigen Portion Selbstironie aufwarten und – auch hier die Parallele zu Spiderman – trotz ihrer Superheldenkräfte im Kern Menschen wie du und ich sind, die sich mit den Sorgen des Alltags und Beziehungsproblemen rumschlagen. Was weniger gut funktioniert, ist die Charakterzeichnung der Gegenspieler, gerade der Silver Surfer bleibt sehr schemenhaft, und seine Wandlung vom Bösen zum nicht mehr so Bösen wirkt beliebig und nicht nachvollziehbar. Überhaupt sollte man dieses Popcorn-Schauspiel keinesfalls mit allzuviel Logik belasten, sondern sich eher auf die Schauwerte konzentrieren, denn die sind ganz ordentlich: optisch ist alles auf dem Stand der Technik, und handwerklich sauber gemacht. Und im Gegensatz zu Spiderman 3, der zwar insgesamt deutlich sehenswerter war, aber mit fast 140 Minuten Spielzeit die Geduld der Zuschauer doch arg strapaziert hat, ist der zweite Aufguss der Fantastic Four wenigstens angenehm kurz: in weniger als 90 Minuten ist die Welt gerettet, kaum genug Zeit, um das ganze Popcorn aufzubekommen.

Fantastic Four – Rise of the Silver Surfer, USA 2007, deutscher Kinostart: 16.08.2007
4/10 Punkte

Spider-Man 3

“Wo kommen diese Typen nur immer her” – Peter Parker, das Rätsel aller Superheldenfilme zusammenfassend.

In Spider-Man 3 entdeckt Luke Skywalker Peter Parker die Dunkle Seite der Macht.

Superheldenfilme sind nicht gerade mein Genre. Die ganzen Marvel- und DC-Comics hab ich nie gelesen, wer genau Magneto, Hulk, Elektra, Lex Luthor oder Catwoman sind, muss mir der Film jeweils schon selbst erklären. Die Verfilmungen sind dann in der Regel cgi-lastige Special Effects Orgien, die die dürftige Handlung überdecken sollen und in der Regel von recht eindimensionalen …äh… comichaften Charakteren bevölkert sind. Etwas aus der Reihe fällt dabei Spiderman. Der erste Teil erklärt auch Marvel-Laien nachvollziehbar, wie alles begann, und Peter Parker, von Tobey Maguire als Günther Jauch der Superhelden verkörpert, ist ein glaubwürdiger Charakter. Maguire zeigt dabei eine perfekten Kombination von Selbstironie und Ernsthaftigkeit. Sowohl den verschmitzt-naiven Peter, als auch den Superhelden Spiderman nimmt man ihm ab.

Damit im dritten Teil keine Langeweile aufkommt, darf Spiderman diesmal auch gleich gegen drei Bösewichte ankämpfen: seinen früheren Freund Harry (James Franco), der den Tod des Vaters rächen will; Sandman (Thomas Haden Church), der in seinem früheren Leben Parkers Onkel Ben umgebracht haben soll; und schließlich Venom (Topher Grace), der als Anti-Spiderman in schwarzen Batman-Outfit durch die Häuserschluchten springt.

Hauptbösewicht Sandman ist ein aus Sandkörnern zusammengesetzter CGI-Traum. Wirklich beeindruckend, wie in einer anfänglichen Szene Sandman aus einem Haufen Kies entsteht, und sich im komplett aus Sand bestehendem Gesicht ohne explizite Augen, Mund und Nase trotzdem klar die Emotionen der Figur erkennen lassen. In späteren Szenen erinnern die Sandman-Effekte allerdings ziemlich stark an den aus flüssigen Metall bestehenden T1000 aus Terminator 2 – damals war das ein Meilenstein des Effektkinos, aber das ist nun auch schon über 15 Jahre her.

Wirklich positiv überrascht hätte mich die Geschichte, wenn Sandman, wie es zunächst aussieht, tatsächlich zur Hälfte des Films eliminiert wird. Aber – und das ist nicht wirklich ein Spoiler – natürlich taucht er zum unvermeidbaren Finale nochmal wieder auf. Überhaupt ist das ein Problem der Superheldenfilme: Bösewichte werden nie, nie, nie einfach mal besiegt, sie kommen immer mindestens noch 2-3mal aus dem sicher geglaubten Tod wieder zurück, um dann auch nochmal im nächsten Teil der Saga wieder aufzutreten (selbst der – wirklich tote – Goblin-turned Norman Osborn aus Teil 1 und 2 darf hier in Form von Willem Dafoe nochmal zu einem Kurzauftritt erscheinen, um seinem Sohn ins Gewissen zu reden).

Neben den diversen Herausforderungen durch Goblins und Sandmänner hat Spiderman diesmal aber auch mit sich selbst zu kämpfen. Er ist mittlerweile ein Star, für den in New York Paraden abgehalten werden und für den es eine regelrechte Merchandising-Industrie gibt (zwinker-zwinker) . Dieser Rummel steigt Parker zu Kopf und führt zu Anflügen von Größenwahn – hey, wer hätte das nicht als Superheld. Dazu kommt, dass Parker erfährt, dass der Mörder seines Onkels noch frei herumläuft, und die Mischung aus Rachegelüsten und Größenwahn verändert sein Ego dermaßen, dass er seinen eigenen Idealen untreu wird und die dunkle Seite der Superkräfte entdeckt. Schade, dass der Film es noch für nötig befindet, eine “schwarze Masse aus dem Weltraum” zu erfinden, die von Spiderman Besitz ergreift, um seine Charakterwandlung zum bösen Spiderman zu erklären – diese Wandlung war auch schon ohne dieses story device ganz glaubhaft rübergebracht. Andererseits hätte man ohne das schwarze Zeugs nicht die Entstehung von Bösewicht Venom erklären können… anyway.

Ganz auf die schauspielerische Leistung von Maguire wollten sich die Produzenten übrigens wohl nicht verlassen: um sichtbar zu machen, dass man es nicht mehr mit dem netten, sondern mit dem bösen Peter Parker zu tun hat, hat er in jeder “bösen” Szene statt braver Günter Jauch Frisur einen Hitler-Haarschnitt strähnigen Scheitel im Gesicht.

Den Actionszenen sieht man an, dass die Produzenten im dritten Teil noch mal einen draufsetzen wollten: Alles ist noch rasanter, noch bunter, noch schneller. Die Kamera stürzt sich mit Spiderman durch die Hochhaus-Schluchten und dreht sich um alle erdenklichen Achsen, überall blitzt und explodiert es. Aber wenn man nicht gerade der Unreal-Tournament Generation angehört, die alle Pixelbewegungen in jeder Millisekunde erfassen kann, ist das alles ein wenig zuviel des Guten – es ist im rasanten Pixelbrei teilweise kaum noch zu erkennen, wer da gerade wen mit Spinnenfäden oder Kürbis-Bomben beschießt. Glücklicherweise sind die Effekt-Szenen nicht der allein tragende Teil der Geschichte, ebenso im Vordergrund steht die Entwicklung der Charaktere, nicht nur von Spiderman, sondern auch von den Bösewichten Harry und Sandman. Denn merke: Auch Bösewichte sind nur Menschen, die meistens nur Banken überfallen, um ihre totkranke Tochter zu retten. Aber letztlich, und das ist die Moral von Spiderman 3 (und ca. 3000 anderen Hollywood-Schinken), hat doch jeder die Wahl, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden.

Eine ganz clevere Vermarktungsstrategie für den neuen Spiderman war übrigens, statt wie üblich eine Vorpremiere in wenigen ausgesuchten Kinos zu machen, den Film einfach quasi flächendeckend schon einen Tag früher starten zu lassen, indem selbst das Dorfkino um die Ecke schon vorab eine Kopie bekam. Bei angeblich 300 Millionen Produktionskosten will man wohl kein Risiko eingehen.

Spiderman 3, deutscher Kinostart: 01. Mai 2007 (bzw. “Vorpremiere” schon am 30.04.07)
7/10 Punkte